Nahost-Konflikt (KW 22): Noch kein Frieden, aber wachsende Wirtschaftsprobleme
Trotz Waffenruhe und laufenden Verhandlungen zur Beilegung des Kriegs ist die militärische Situation in der Strasse von Hormus höchst instabil. Anleger sollten ihre Investments weiterhin konsequent auf Stabilität und breite Diversifikation ausrichten. Selbst ohne neue militärische Eskalation bleibt das Finanzmarktumfeld angespannt aufgrund der langfristigen Kriegsfolgen für Wirtschaft, Politik und Energieversorgung.
Zusammenfassung
– Die Finanzmärkte bewegen sich derzeit zwischen geopolitischen Spannungen und technologischem Optimismus. Während der Iran-Konflikt und die blockierte Strasse von Hormus die Energiepreise in die Höhe treiben, sorgen starke Unternehmensgewinne im Technologiesektor und ein anhaltender Aufwärtstrend im Halbleitermarkt für Stabilität.
– Der Waffenstillstand ist aber äusserst fragil, und es bleibt unklar, wie lange die Aktienmärkte die daraus resultierenden Energiepreise noch ignorieren können.
– Anstatt taktisch zu spekulieren, stehen für Schweizer Portfolios eine breit diversifizierte, langfristig ausgerichtete Strategie und eine disziplinierte Risikosteuerung im Vordergrund.
Wie sieht die aktuelle Kriegslage aus?
- US-Präsident Donald Trump nutzte den seit April geltenden Waffenstillstand zwischen den USA und Iran, um den Iran-Krieg am 1. Mai 2026 offiziell für beendet zu erklären. So vermochte er die maximale Dauer des Kriegs einzuhalten, die ohne formale Ermächtigung durch den US-Kongress auf 60 Tage beschränkt ist. Gleichzeitig verhandelt Trump mit Iran über einen umfassenden Plan für eine Beilegung der Feindseligkeiten – bislang ohne Erfolg. Auch das amerikanisch-chinesische Gipfeltreffen vom 14./15. Mai in Peking brachte keine konkrete chinesische Unterstützung zur Lösung des Nahostkonflikts.
- Parallel gilt ein von den USA vermittelter Waffenstillstand zwischen Israel und der libanesischen Regierung, der Mitte Mai zum zweiten Mal verlängert wurde und nun bis Ende Juni dauern soll.
Die militärische Situation bleibt äusserst instabil. Trotz Waffenruhe und laufenden Verhandlungen zur Beilegung des Kriegs haben die USA in der Nacht vom 25. auf den 26. Mai Ziele im Iran angegriffen; die USA begründeten dies mit Selbstverteidigung gegen iranische Drohnen- und Raketenattacken. Der Iran hält nach wie vor die Strasse von Hormus für Schiffe von feindlichen Ländern geschlossen, die USA ihrerseits blockieren Irans Häfen und Schiffsverkehr. Inzwischen sei die Strasse von Hormus durch Iran derart vermint, dass eine Räumung der Meerenge ein halbes Jahr dauern könnte, zitiert die «Washington Post» Berichte des US-Verteidigungsministeriums.
Was reagieren die Finanzmärkte?
Wer die Entwicklung insbesondere an den US-Aktienmärkten verfolgt, wird sich unweigerlich an die Zeiten des berüchtigten «Teflon-Marktes» vor ein paar Jahren erinnert fühlen: Ein Markt, an dem negative Entwicklungen schlicht und einfach abprallen. Was auf den ersten Blick wie ein Loslösen von der geopolitischen Realität erscheint, wird auf den zweiten Blick durchaus nachvollziehbarer: Die aktuellen Gewinnausweise zum ersten Quartal zeugen von der Resilienz insbesondere der US-Unternehmen. Das Gewinnwachstum liegt deutlich über dem langjährigen Durchschnitt, und die Margen erreichen ein Rekordniveau. Insbesondere der jüngst oft angezweifelte Technologiesektor vermag zu überzeugen (siehe Grafik, mehr zum Thema im Beitrag Tech Is Back).
Dass die Risiken für eine ausgewachsene Energiekrise mit jedem weiteren Tag steigen, an dem der Öl- und Gasfluss durch die Strasse von Hormus massiv behindert ist, wird unserer Meinung nach in der aktuellen Kursbildung etwas zu wenig berücksichtigt. Wir bleiben vorsichtig optimistisch und entsprechend nur leicht übergewichtet bei den Aktien.
Was heisst das für die Konjunktur?
Die USA sind zwar insgesamt weniger stark von physischen Engpässen abhängig als Europa. Aber selbst Schlüsselbranchen wie die Tech-Industrie spüren den Druck durch steigende Energiepreise und vor allem durch Lieferengpässe bei speziellen Rohstoffen und Prozessgasen, z.B. Helium. Zudem hat der Benzinpreis die psychologische Schwelle von 4 Dollar pro Gallone bei weitem überschritten, und die Inflation (mit 3,8 Prozent im April) entfernt sich immer weiter vom Ziel der Fed – ein Faktor, der eine wichtige Rolle bei den Midterm-Wahlen vom November spielen wird. In den aktuellen Prognosen zeichnet sich ein Bild ab, in dem das Wachstum gedämpft, aber nicht abgewürgt wird: Wir erwarten für 2026 ein ähnliches Wachstum des US-Bruttoinlandprodukts (BIP) von 2,2 Prozent wie 2025 .
In Europa stellt sich die Situation komplexer dar. Die Irankrise trifft auf eine ohnehin angespannte Energiearchitektur, die seit der Ukraine-Krise im Umbau begriffen ist. Der enge Fokus auf Versorgungssicherheit, Speicherstände und Diversifikation erfährt nun einen weiteren Stresstest. Steigende Energiepreise belasten insbesondere energieintensive Branchen, von der Chemie über Metalle bis hin zu Teilen der Industrieproduktion. Zugleich bemühen sich die Staaten, Haushalte und Unternehmen über temporäre Entlastungsmassnahmen, Preisdeckel oder steuerliche Anpassungen vor den heftigsten Ausschlägen zu bewahren. Das Ergebnis ist unserer Meinung nach ein klassischer «Stagflations-Kompromiss»: Das Wachstumspotenzial wird gedrückt, während die Inflationsraten durch Energiekosten nach oben verzerrt bleiben. Für die Euro-Zone erwarten wir 2026 eine Abschwächung des BIP-Wachstums auf 0,8 Prozent, gegenüber 1,5 Prozent im Jahr 2025.
Auch die Schweiz ist betroffen. Die gute Nachricht: Der Energieanteil an der Schweizer Konsumentenpreisinflation ist im internationalen Vergleich relativ tief, und regulierte Komponenten dämpfen kurzfristige Preisspitzen. Selbst deutlich höhere Ölpreise dürften die Schweizer Inflation eher moderat nach oben verschieben. Die etwas weniger gute Nachricht: Der Krieg schlägt immer deutlicher auf die aussenhandelsorientierte Wirschaft durch. Jedes vierte Unternehmen der Maschinen-, Elektro- und Metallbranche verzeichne infolge des Iran-Kriegs «spürbare Störungen in der Lieferkette», v.a. in Form erheblicher Verteuerungen oder von Verzögerungen. Das schreibt die «NZZ am Sonntag» aufgrund einer Umfrage des Branchenverbands Swissmem, die der Zeitung exklusiv vorliegt. Für die Schweiz erwarten wir 2026 eine Abschwächung des BIP-Wachstums auf 0,7 Prozent, gegenüber 1,4 Prozent im Jahr 2025.
Selbst wenn es (bald) zu einer diplomatischen Einigung kommen sollte, verschwinden die wirtschaftlichen Risiken nicht über Nacht:
Mittelfristig höhere Energiepreise: Enorme Kosten entstehen einerseits durch den Wiederaufbau der zerstörten Energieinfrastruktur an der Strasse von Hormus, andererseits durch den Ausbau alternativer Pipeline-Kapazitäten zum Roten und zum Arabischen Meer, um die Strasse von Hormus zu umgehen. Diese enormen Investitionen werden zulasten des Ölpreises finanziert werden. Zudem wird insbesondere der physische Gasmarkt noch lange gestört bleiben und von Knappheit geprägt sein. So erkärt etwa Katars staatliches Energieunternehmen QatarEnergy, dass die Wiederinstandsetzung der zerstörten Flüssiggasanlagen in Katar drei bis fünf Jahre in Anspruch nähmen.
Fazit: Eine dauerhaft etwas höhere Energiepreisbasis ist ein plausibles Szenario – mit entsprechenden Auswirkungen auf Kostenstrukturen in Industrie und Logistik. Der aktelle Short-Term Energy Outlook (STEO) vom Mai der US-Behörde Energy Information Administration (EIA) geht davon aus, dass der Ölpreis (Brent) im Mai und Juni bei durchschnittlich 106 Dollar pro Barrel notiert. Sofern der Verkehr durch die Strasse von Hormus im Juni allmählich wieder aufgenommen und die stillgelegte Ölproduktion wieder hochgefahren wird, geht die EIA davon aus, dass die Ölpreise bis Ende des vierten Quartals 2026 auf durchschnittlich 89 Dollar pro Barrel sinkt. Diese Prognose steht unter der Bedingung, dass die Strasse von Hormus Ende Mai wieder befahrbar ist. Die IEA hat in einem alternativen Szenario untersucht, was die Auswirkungen auf die Ölpreise sind, wenn sich die Öffnung der Meerenge um einen Monat verzögert – bis Ende Juni. Dies würde kurzfristig zu Ölpreisen führen, die mehr als 20 Dollar pro Barrel über den aktuellen Prognosen liegen.- Mittelfristig gedämpftes Wachstum: Unternehmen verschieben Investitionsentscheidungen, prüfen Lieferketten neu und agieren vorsichtiger, was das Wachstum in wichtigen Absatzmärkten der Schweiz dämpfen kann. Der Welthandel dürfte gemäss Schätzungen der UN-Handelsorganisation Unctad 2026 nur noch mit 1,5 bis 2,5 Prozent wachsen, gegenüber 4,7 Prozent im Jahr 2025.
Mittelfristige Inflationsrisiken: Abzuwarten bleibt, inwieweit die gestiegenen Rohstoffpreise für Energie, Chemikalien, Dünger, Prozessgase usw. die Konsumentenpreise erhöhen und so zu einem Inflationsschub führen (siehe Grafik). Die Inflationssorgen widerspiegeln sich in den Renditen der Obligationen. So sind z.B. jene der 10-jährigen US-Staatsanleihen von knapp über 4 Prozent vor Ausbruch des Kriegs auf zeitweise mehr als 4,5 Prozent gestiegen. Trotzdem erwarten wir, dass die US-Zentralbank Fed, ebenso wie die Schweizerische Nationalbank, vorläufig keine Leitzinserhöhungen zur Inflationsbekämpfung vornimmt, währenddem die Europäische Zentralbank Zinserhöhungen in Aussicht gestellt hat.
Was heisst das für die Anleger?
Getragen von starken Tech-Gewinnen und einem strukturellen Aufschwung im Halbleitersektor, behaupten sich die globalen Aktienmärkte erstaunlich robust – mit klarer Stärke in den USA und ausgewählten asiatischen Tech-Börsen, während Europa verwundbarer bleibt. Für Anlegerinnen und Anleger rückt damit weniger die Frage nach der nächsten geopolitischen Schlagzeile in den Vordergrund, sondern die konsequente Ausrichtung ihres Portfolios auf langfristige Gewinner der digitalen Transformation – sowie auf Qualität.
Dazu gehören eine breite Diversifikation über Regionen und Assetklassen, ein angemessener Anteil an Alternativen Anlagen (z.B. Schweizer Immobilienanlagen, Gold, Infrastrukturinvestitionen, Cat Bonds), eine sorgfältig dosierte Beimischung von Energie-, Infrastruktur- und Qualitätsdividendentiteln sowie die Überprüfung der Exponierung gegenüber stark energieabhängigen Schwellenländern und zyklischen Branchen. Der Schweizer Franken bleibt ein zentraler Stabilitätsfaktor, reduziert aber die in Fremdwährung erzielbaren Renditen; Währungsrisiken sollten daher bewusst gesteuert, nicht zufällig eingegangen werden.
Was kommt nach einem Kriegsende?
- Ingesamt ist der Irankrieg weniger ein singuläres Schockereignis als ein weiterer Baustein einer von uns schon seit längerem thematisierten neuen Weltordnung, in der geopolitische Risiken und Energiefragen dauerhaft höhere Bedeutung haben. Wer seine Anlagen konsequent auf Resilienz ausrichtet, ausreichende Diversifikation sicherstellt und kurzfristige Marktausschläge nicht mit langfristigen Trendbrüchen verwechselt, ist besser gerüstet, um auch in einem von Krisen geprägten Umfeld Chancen nutzen zu können.
- Ein erstes «Kriegsopfer» ist die NATO. Die Weigerung der Europäer, die USA militärisch zu unterstützen, hat das ohnehin belastete transatlantische Verhältnis weiter zerrüttet. In diesem Zusammenhang hat US-Präsident Donald Trump den Rückzug von 5000 Soldaten aus Deutschland angekündigt. Was, wenn sich die USA immer weiter aus der Verteidigung Europas zurückziehen? Gemäss dem Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) betrüge der jährliche Mehraufwand für eine glaubwürdige Verteidigung ohne US-Schutz für Europa rund 250 Milliarden pro Jahr, umgerechnet zusätzlich 1,5 Prozent des EU-Bruttoinlandprodukts.
- Ein zweites Kriegsopfer ist die Organisation ölexportierender Länder (OPEC). Der Irankrieg hat die Spannungen unter den Golfstaaten verschärft, statt die Länder zusammenzuschweissen. So werfen etwa die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ihren Nachbarstaaten vor, sie nicht ausreichend vor Angriffen des Irans geschützt zu haben. Dieser Vorwurf trug wesentlich dazu bei, dass die VAE ihren Austritt aus der OPEC und dem erweiterten Verbund OPEC+ per 1. Mai 2026 angekündigt haben. Das führt unweigerlich zu einer erheblichen Schwächung der Preismacht der OPEC.
- Umso bedeutender werden fossile Energievorkommen ausserhalb des Nahen Ostens, wie in Brasilien, Argentinien oder Westafrika. In den Fokus rücken auch die USA als Öl- und Gasexporteur. Die Iran-Krise hat den US-Frackern einen starken Preisimpuls geliefert, aber bislang keinen neuen Fracking-Boom ausgelöst: Die Anzahl der Fracking-Bohrstellen hat in jüngster Zeit nicht zugenommen (siehe Grafik). Viele US-Produzenten misstrauen geopolitisch getriebenen Preissprüngen und warten auf den Beleg, dass das höhere Preisniveau nachhaltig ist.
(Der Beitrag entstand unter Mitarbeit der Teams von Economic Research und Financial Research.)
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