Ist die Tech-Euphorie zu Ende?
Die einst unangefochtenen Stars der Börse, die grossen US-Technologiekonzerne, erleben eine Phase der Ernüchterung. Besonders betroffen sind klassische Software-Unternehmen, die durch die rasante Verbreitung von KI-Agenten unter Druck geraten. Gleichzeitig stehen KI-nahe Unternehmen vor der Herausforderung, die hohen Erwartungen der Anleger zu erfüllen.
Die grossen US-Technologiekonzerne, lange Zeit als unangefochtene Gewinner an der Börse gefeiert, erleben derzeit eine Phase der Ernüchterung. Ihre Marktkapitalisierung dominierte über Jahre hinweg die US-Aktienmärkte und trieb die Kurse in schwindelerregende Höhen. Nach einem turbulenten Jahresstart konnten Technologieaktien in den vergangenen Wochen wieder etwas an Boden gutmachen. Der Börsenindex Nasdaq legte im April um über 3 Prozent zu, und auch die Magnificent-7-Titel profitierten von der allgemeinen Börsenerholung. Doch bei näherer Betrachtung bleibt ein gewisser Beigeschmack: Die Kursgewinne fallen angesichts der nach wie vor hohen Gewinnerwartungen vergleichsweise bescheiden aus.
Herausforderungen für klassische Software-Unternehmen
Besonders hart trifft es die klassischen Software-Unternehmen. Seit Jahresbeginn haben ihre Aktien im Durchschnitt über 25 Prozent an Wert verloren. Ein wesentlicher Grund dafür ist die zunehmende Verbreitung von KI-Agenten, die traditionelle Unternehmensanwendungen immer häufiger umgehen. Diese Technologien ersetzen Benutzeroberflächen, automatisieren Arbeitsabläufe und stellen damit die Existenzberechtigung spezialisierter Softwarelösungen infrage.
KI-nahe Unternehmen unter Erwartungsdruck
Auch Unternehmen, die eng mit der KI-Entwicklung verbunden sind – wie Halbleiterhersteller, Betreiber von Rechenzentren und sogenannte Hyperscaler – stehen unter Druck, allerdings aus anderen Gründen. Hier geht es weniger um Disruption als um die hohen Erwartungen der Investoren. Diese fordern nun konkrete Renditen auf die massiven Investitionen, die allein in diesem Jahr über 650 Milliarden US-Dollar betragen. Die Folge: Der freie Cashflow dieser Unternehmen dürfte dieses Jahr massiv sinken, da sie sich von kapitalleichten Software-Giganten zu kapitalintensiven Infrastrukturunternehmen wandeln. Ihre Investitionsquoten (Capex) machen mittlerweile 45 bis 57 Prozent des Umsatzes aus – Werte, die man sonst eher bei Versorgungsunternehmen findet.
Seit März dieses Jahres hat ein weiterer Faktor die Lage verschärft. Während Anlegerinnen und Anleger bereits damit beschäftigt waren, überhöhte KI-Bewertungen neu einzuordnen und die Spreu vom Weizen zu trennen, sorgte der Ausbruch des Irankonflikts für einen zusätzlichen Schock. Die Märkte reagierten, wie sie es in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten immer tun: Kapital floss aus wachstumsorientierten Risikotiteln – allen voran Tech-Aktien – in sichere Häfen wie Gold und defensive Aktien.
Steigende Energiekosten
Der Krieg im Iran hat die Unsicherheiten an den Finanzmärkten weiter verstärkt. Die Blockade der Strasse von Hormus, einer der zentralen Handelsrouten für Öl und Flüssiggas, hat die Energiepreise in die Höhe getrieben. Dieses Umfeld stellt insbesondere wachstumsorientierte Branchen wie die Big-Tech-Industrie vor grosse Herausforderungen. Zum einen belasten die gestiegenen Energiepreise die Margen der Hyperscaler, da diese aufgrund ihres hohen Stromverbrauchs besonders betroffen sind. Zum anderen treiben die höheren Energiepreise die Inflation an, was die Zentralbanken dazu zwingt, die Zinsen über einen längeren Zeitraum auf einem hohen Niveau zu halten. Für Technologieaktien ist dies besonders problematisch, da ihr Wert auf zukünftigen Gewinnen basiert, die bei steigenden Zinsen stärker abgewertet werden.
Rohstoffengpässe: Eine neue Achillesferse für die Tech-Industrie
Neben den steigenden Energiekosten rückt ein weiterer Risikofaktor in den Fokus: die Versorgung mit speziellen Rohstoffen und Prozessgasen. Besonders betroffen sind Halbleiterunternehmen, die auf seltene Materialien angewiesen sind. Während Silizium in grossen Mengen verfügbar ist, sind andere Rohstoffe wie bestimmte Metalle und Gase oft knapp und schwer zu ersetzen.
Besonders kritisch ist Helium, das in der Halbleiterproduktion, der Medizintechnik und anderen Hightech-Anwendungen unverzichtbar ist. Südkoreanische Chiphersteller wie Samsung beziehen etwa zwei Drittel ihres Heliumbedarfs aus der Golfregion. Für Unternehmen, die von der Digitalisierung und KI profitieren, bedeutet dies: Sie stehen vor einem Dilemma zwischen Wachstumschancen und Rohstoffrisiken.
Fazit: Breitere Chancen im Technologiesektor
Obwohl die anfängliche Euphorie rund um Technologie in den letzten Jahren einer realistischeren Bewertung gewichen ist, bleibt Technologie – insbesondere Künstliche Intelligenz – der zentrale Wachstumsmotor dieses Jahrzehnts. Innerhalb des Tech-Sektors verlagert sich das Kapital zunehmend von Softwareunternehmen hin zu Unternehmen, die auf KI-Infrastruktur und Hardware spezialisiert sind. Dabei zeichnet sich ein entscheidender Wandel ab: Die Wertschöpfung durch KI konzentriert sich nicht mehr nur auf einige wenige grosse Konzerne. Stattdessen rücken zunehmend spezialisierte Unternehmen aus der zweiten Reihe ins Rampenlicht, die direkt von der Entwicklung und dem Ausbau der KI-Infrastruktur profitieren.
Besonders sichtbar wird dies bei Halbleiter- und Infrastrukturunternehmen: Broadcom etabliert sich zunehmend als ernstzunehmender Akteur im Bereich der KI-Chips. Gleichzeitig profitieren Unternehmen wie Arista Networks erheblich vom rasanten Ausbau von KI-Datenzentren, die von Hyperscalern wie Microsoft in Rekordgeschwindigkeit errichtet werden. Im Software-Sektor gewinnen spezialisierte Anbieter von KI-Anwendungen, darunter Palantir und ServiceNow, immer mehr an Bedeutung. Sie stellen die entscheidende Unternehmens-KI-Schicht bereit, die auf den Infrastrukturprodukten der sogenannten «Magnificent Seven» aufbaut. Auch traditionelle Industrieunternehmen wie ABB und Siemens rücken verstärkt ins Rampenlicht, da KI-gestützte Automatisierung die Produktivität in ihren Kernbranchen revolutioniert.
Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet das: Es lohnt sich, über den Tellerrand hinauszublicken und in ein breiteres Spektrum von Unternehmen zu investieren, die entlang der gesamten KI-Wertschöpfungskette tätig sind. Die Zeiten, in denen man allein auf wenige Mega-Caps aus dem Technologiesektor setzen konnte, sind vorbei – doch die Chancen im Technologiesektor bleiben vielfältig.
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