Markteinschätzung

Keine Anpassung der EZB-Leitzinsen

Am Donnerstagnachmittag, 29. Oktober, beschloss die Europäische Zentralbank (EZB), ihre Leitzinsen unverändert zu lassen. Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnt vor der möglichen Entstehung von Zweitrundeneffekten aufgrund der stark angestiegenen Energiepreise und kündigte ihren Rücktritt nach der Februar-Sitzung an. Im Dezember dürfte die nächste Zinserhöhung folgen.

Valentino Guggia
Publiziert
Lesedauer: 3 Minuten

Keine Überraschung: Wie von den Finanzmärkten erwartet, verzichtete die EZB vorerst auf die dritte Zinserhöhung im Jahr 2026. Dennoch ist der geldpolitische Straffungszyklus nicht abgeschlossen: EZB-Präsidentin Lagarde betonte, dass aufgrund der aktuellen Energiekrise die Inflationsrisiken nach oben gerichtet sind, während negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum zu erwarten sind.

Besondere Aufmerksamkeit widmet die EZB den Zweitrundeneffekten (also einer Ausbreitung der Teuerung in andere Konsumbereiche wegen teurerer Inputkosten). In den letzten Monaten blieb der Anstieg der Kerninflation, die volatile Elemente wie Energie- und Nahrungsmittelpreise ausschliesst, zum grössten Teil aus. Dies deutet darauf hin, dass die Teuerung nur Konsumbereiche betraf, die direkt den steigenden Energiepreisen ausgesetzt sind, wie die Treibstoffe oder der Luftverkehr. Aufgrund des unsicheren Ausblicks, wie sich die Lage im Nahen Osten und auf den globalen Energiemärkten entwickeln wird, kann man die Entstehung von Zweitrundeneffekten nicht ausschliessen.

Darüber hinaus beobachtet die EZB das Lohnwachstum: Beim Jahresabschluss werden die Tariflöhne in vielen Ländern der Eurozone verhandelt, und im aktuellen Umfeld ist mit erhöhten Lohnforderungen zum Erhalt der Kaufkraft seitens der Arbeitnehmenden zu rechnen. Ein zu hohes Lohnwachstum kann die Bekämpfung der Inflation erschweren, wenn die Unternehmen diesen weiteren Anstieg der Inputkosten an die Konsumenten weitergeben.

Bei der Dezember-Sitzung rechnen wir mit einer Zinserhöhung, da die Inflation deutlich über dem EZB-Ziel liegt. Viel weiteres Erhöhungspotenzial bleibt nicht übrig, ohne das Risiko einzugehen, das fragile Wirtschaftswachstum zum Erliegen zu bringen. Für das dritte Quartal deutet die EZB-Umfrage zum Kreditgeschäft der Banken auf eine niedrige Nachfrage nach Finanzierungen und auf eine Straffung der Vergaberichtlinien für Kredite hin. Diese beiden Faktoren lassen eine Dynamikverlust der Wirtschaft erwarten.

In Bezug auf den raschen Anstieg der Renditen französischer Staatsanleihen und eine mögliche Ansteckung anderer hochverschuldeter Länder lieferte Christine Lagarde zwei Anhaltspunkte. Sie meinte, dass ein Teil der Zunahme der langfristigen Zinsen auf die US-Hyperscaler zurückzuführen sei, die durch ihre volumenmässig grosse Kapitalbeschaffung auf den Anleihemärkten in Konkurrenz mit den Staatsanleihen treten. Der Hauptgrund ist allerdings die fehlende Haushaltdisziplin. Zudem betonte sie, dass die Notenbank über Instrumente verfüge, die es ihr erlauben, an den Märkten zu intervenieren, sobald die Transmission der Geldpolitik von spekulationsbedingten Marktbewegungen beeinträchtigt wird.

(Foto: Keystone / Andreas Arnold)

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