Markteinschätzung

Die Fed pausiert. Die Inflation leider nicht.

Mit dem heute, am 28. Oktober, eingelegten Zwischenhalt hält die Fed die Zinsen stabil, aber gleichzeitig die Tür für Erhöhungen offen. Für die Schweiz ist das kein Marschbefehl – wohl aber ein Grund, wachsam zu bleiben.

Santosh Brivio
Publiziert
Lesedauer: 3 Minuten

Man kann den Fuss auf der Bremse lassen, ohne noch stärker darauf zu treten. Genau das tut die US-Notenbank mit ihrem heutigen Entscheid: Sie belässt das Leitzinsband bei 3,75 bis 4,00 Prozent. Nach der Erhöhung im September folgt damit eine Pause – kein Rückzug aus der Inflationsbekämpfung. Zwei Mitglieder des Fed-Gremiuhätten die Bremse denn auch lieber sofort nachgezogen: Lisa Cook und Beth Hammack votierten gegems n den Mehrheitsentscheid und für eine weitere Erhöhung um einen Viertelprozentpunkt. 

Die unveränderten Zinsen überraschen nicht. Auch wir hatten im Vorfeld keine Erhöhung erwartet. An den Märkten war eine Pause mit rund 91 Prozent Wahrscheinlichkeit eingepreist. Spannender als der heutige Stillstand war deshalb von Anfang an die Frage, wie viel Bewegung danach noch kommt. Für Dezember waren vor dem Entscheid bereits rund 21 Basispunkte zusätzlicher Straffung eingerechnet. Eine weitere Erhöhung galt somit weitgehend als gesetzt. 

Die Ausgangslage bleibt unbequem. Einer überraschend hohen September-Inflation steht ein Beschäftigungszuwachs von gerade einmal 29’000 Stellen gegenüber. Gleichzeitig halten Zölle, Energiepreise und der KI-getriebene Investitionsboom den Preisdruck aufrecht. Etwas salopp formuliert: Die amerikanische Wirtschaft liefert der Fed damit reichlich Argumente – nur nicht alle für dieselbe Richtung. 

Eine Pause mit angezogener Handbremse

In ihrer Lagebeurteilung setzt die Fed dennoch einen bemerkenswerten Akzent: Sie bezeichnet die Wirtschaftsaktivität nicht mehr als «solide», sondern als «stark». Die Binnennachfrage bleibt widerstandsfähig, Investitionen und Produktivität entwickeln sich robust. Von einer Wirtschaft, der dringend mit tieferen Zinsen geholfen werden müsste, zeichnet die Notenbank jedenfalls kein Bild. 

Fed-Chef Kevin Warsh vermied eine verbindliche Wegweisung, betonte aber die Bereitschaft zum Handeln. Zunächst solle sich zeigen, wie die September-Erhöhung nachwirke. Zusätzliche Informationen sollen helfen, den angemessenen Kurs für die Inflationsrückführung zum Zweiprozentziel zu bestimmen. Abwarten heisst hier also nicht wegschauen. Es bedeutet, die Wirkung der bereits verabreichten Medizin zu beobachten, bevor die nächste Dosis folgt.

Die Finanzmärkte quittierten das mit einer Reaktion, die zur widersprüchlichen Ausgangslage passt. Aktien legten zunächst zu, gaben im Verlauf der Pressekonferenz aber einen Teil ihrer Gewinne wieder ab. Auch der Dollar drehte nach anfänglichen Avancen ins Minus. Am Anleihemarkt sank die zweijährige US-Rendite von rund 4,77 auf 4,70 Prozent, während die zehnjährige leicht auf etwa 5,04 Prozent stieg. Die kurzfristige Zinssorge hat damit etwas abgenommen; am langen Ende ist das Unbehagen hingegen nicht verschwunden. Eine uneingeschränkte Entwarnung sieht anders aus. 

Die SNB sitzt nicht auf dem Beifahrersitz

Für die Schweiz ergibt sich daraus kein unmittelbarer geldpolitischer Handlungsauftrag. Mit einer Septemberteuerung von 1,0 Prozent liegt die Inflation weiterhin im Preisstabilitätsbereich. Wir sehen eine erste Zinserhöhung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) derzeit nicht vor dem nächsten Frühjahr. Entscheidend sind der heimische Inflationsausblick und der Franken – nicht die Frage, ob Washington im Dezember nochmals nachlegt. 

Die grosse Zinsdifferenz stützt grundsätzlich den Dollar gegenüber dem Franken. Eine weitere US-Erhöhung könnte diesen Effekt verstärken. Ein schwächerer Franken verteuert allerdings die Einfuhren und kann den hiesigen Preisdruck erhöhen. Umgekehrt bleiben Deviseninterventionen bei einer erneuten Flucht in den Franken eine Option. Für die SNB ist der Wechselkurs deshalb mehr als eine Begleiterscheinung amerikanischer Zinsentscheide. 

Auch für Schweizer Kreditnehmende gilt: Eine amerikanische Zinspause ist kein Rabattversprechen. Erhöhte oder weiter steigende Kapitalmarktzinsen bleiben ein Risiko. Eine automatische oder gleich starke Übertragung auf Schweizer Hypothekar- und Sparzinsen lässt sich daraus aber nicht ableiten.

Die heutige Pause ändert damit wenig an unserem weiteren Grundszenario: Wir erwarten noch eine Fed-Erhöhung bis Ende Jahr und einen zusätzlichen Schritt im ersten Quartal 2027. Danach dürfte das Straffungspotenzial begrenzt sein, zumal wir mit einer Abschwächung des US-Wachstums rechnen. Die Fed verschafft sich heute Beobachtungszeit. Einen vorzeitigen Feierabend kann sie sich angesichts der hartnäckigen Inflation nicht leisten. 

(Foto: Keystone / Alex Brandon)

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