Gold im Höhenflug
Der Goldrausch scheint im aktuellen Umfeld hoher geopolitischer und handelspolitischer Unsicherheit ungebremst zu sein. Auch die Schweiz ist betroffen, da sie ein wichtiger Knotenpunkt für die weltweiten Ströme von physischem Gold ist.
Is sky the limit? Das könnte man sich fragen, wenn man sich die Entwicklung des Preises für eine Feinunze Gold ansieht. Die Geschwindigkeit des Anstiegs überraschte alle Marktanalysten, uns eingeschlossen. Nachdem der Goldpreis Mitte März die Marke von 3000 Dollar pro Feinunze überschritten hatte, dauerte es nur fünf Wochen, um die Schwelle von 3500 Dollar zu erreichen, was einem Anstieg von über 30 Prozent seit Jahresbeginn entspricht. Das Jahr 2023, in dem der Goldpreis nur mit Mühe die Marke von 2000 Dollar überwinden konnte, scheint weit entfernt.
Eine Kombination von Faktoren
Der starke Anstieg des Goldpreises ist auf eine Reihe von Begleitfaktoren zurückzuführen, die die Nachfrage nach diesem äusserst knappen Gut erhöht haben. Gold ist ein klassischer Zufluchtsort, dessen Wert in Zeiten geopolitischer, konjunktureller und finanzieller Unsicherheit tendenziell steigt. Es handelt sich somit um eine Anlageklasse, die von der Suche der Investoren nach defensiveren Anlagen profitiert, die in solchen Phasen ihr Engagement in risikoreicheren Anlageklassen wie Aktien tendenziell reduzieren. Dies erhöht die Portfoliodiversifizierung. Eine statistische Analyse zeigt, dass die Korrelation zwischen den Renditen des US-Aktienmarktes und des Goldmarktes über mehrere Jahrzehnte hinweg durchschnittlich 0 beträgt, aber periodisch von positiv bis negativ schwankt. Beispielsweise erzielten beide Anlageklassen zwischen 2023 und 2024 hohe Renditen.
Doch seit Anfang 2025 hat sich die Richtung geändert: Seit Beginn seiner Amtszeit hat US-Präsident Donald Trump mit seiner Handelspolitik zu einer Atmosphäre der Unsicherheit beigetragen. Diese spitzte sich Anfang April zu, als die Ankündigung «gegenseitiger» Zölle zu einer deutlichen Korrektur der Aktienkurse führte: Die Anleger verlagerten enorme Geldsummen in andere Anlageklassen wie Anleihen oder Gold.
Die Nachfrage nach einem knappen und begrenzten Rohstoff wie Gold ist aufgrund der Politik mehrerer Zentralbanken in Schwellenländern, ihre Reserven zu diversifizieren, nach wie vor hoch. Insbesondere die chinesische Zentralbank hat in den letzten Jahren grosse Mengen des Edelmetalls aufgekauft, und die Tendenz ist nicht rückläufig, ganz im Gegenteil. Angesichts des sich verschärfenden Handelskonflikts mit den USA ist davon auszugehen, dass sich China noch stärker von der Hegemonie des US-Dollars auf den Weltmärkten distanzieren will, indem es seine Bestände verringert und seine Reserven mit anderen Währungen und Gold diversifiziert.
Gegenwärtig ist der Beruf des Prognostikers sehr schwierig, da die Volatilität nach wie vor sehr hoch und anfällig für unvorhersehbare Entwicklungen ist. Tatsächlich trieben Anfang der Woche Gerüchte, dass Trump die Entlassung des Vorsitzenden der Federal Reserve, Jerome Powell, in Betracht ziehe, den Goldpreis auf über 3500 Dollar pro Unze. Das gelbe Edelmetall vermochte sich nicht lange auf diesem Niveau halten, dies sowohl aufgrund der Tatsache, dass die Gerüchte um Powells Entlassung am nächsten Tag dementiert wurden, als auch aufgrund der Gewinnmitnahmen im Markt. In diesem unsicheren Umfeld scheint sich der Goldpreis jedoch bei über 3000 Dollar zu stabilisieren. Die hohe Nachfrage dürfte nämlich noch länger andauern, da die anhaltenden Veränderungen der amerikanischen Politik das Vertrauen der Anleger in die US-Finanzmärkte untergraben.
Im Tessin gibt es einen Weltkreuzungspunkt
Wie viele andere Rohstoffe wird Gold an mehreren Börsen gehandelt. Die wichtigsten sind London und New York, wo die Terminkontrakte für Barren notiert werden. Aus historischen Gründen verwenden die beiden Börsen nicht den gleichen Standard für den Handel mit physischem Gold: In London sind 400-Unzen-Barren der Standard, in New York 100-Unzen-Barren. Daher ist ein Zwischenschritt erforderlich, um den transatlantischen Handel durchführen zu können. Es wird geschätzt, dass rund zwei Drittel des weltweit geförderten Goldes in die Schweiz gelangen, in die Tessiner Region Mendrisiotto, wo vier Raffinerien Goldbarren und andere Goldprodukte verarbeiten und herstellen.
Seit Trumps Wahl sind die Schweizer Goldexporte stark angestiegen und erreichten im Januar mit fast 200 Tonnen ihren Höhepunkt. Der Grund dafür ist, dass US-Investoren Angst vor möglichen Zöllen hatten, die auch Gold treffen könnten. Sie entschieden sich daher, das Edelmetall aus den Tresoren Grossbritanniens und Europas zurückzuholen. All dies führte zu einem Zwischenstopp im Tessin und erforderte erhebliche logistische Anstrengungen. Doch dieser hochspezialisierter Industriesektor bleibt volatil und unterliegt der weltweiten Goldnachfrage. Aus diesem Grund schliesst die Schweizer Statistik bei der ökonomischen Analyse der Handelsströme zwischen zwei Ländern den Goldhandel aus, da er nicht eng an die Konjunkturentwicklung gebunden ist.
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