Markteinschätzung

Die Fed wartet ab – und bleibt erst recht entscheidend für die Schweiz

Die US-Notenbank Fed lässt ihren Leitzins vorerst unangetastet. Dieses Stillhalten wurde im Vorfeld der Entscheidung vom 28. Januar auf breiter Front erwartet. Doch gerade für die Schweiz und ihre Geldpolitik ist diese Nicht-Überraschung wichtiger, als es auf den ersten Blick scheint – nicht zuletzt für die Schweizerische Nationalbank.

Santosh Brivio
Publiziert
Lesedauer: 4 Minuten

Die Fed belässt ihren Leitzins im Korridor von 3,50–3,75 Prozent. Das gaben die amerikanische Währungshüter anlässlich ihres heutigen Zinsentscheides bekannt. Sie nutzen die starke Verfassung der US-Konjunktur und die relativ geringe Gefahr eines eigentlichen Einbruchs am Arbeitsmarkt sozusagen für einen «hold and assess»-Zwischenstopp. Nach drei Zinssenkungen im Herbst 2025 ist die Botschaft somit klar: Erst abwarten, ob die US-Wirtschaft den Übergang zu tieferen Zinsen ohne Bruch schafft, während die Inflation zwar sinkt, aber noch leicht über Ziel verharrt.

Eine Nicht-Überraschung mit Brisanz

Der Entscheid der Fed kam angesichts der starken Konjunkturdaten und der auf eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit hindeutenden Arbeitsmarktsignale nicht überraschend. Entsprechend implizierten die Terminmarktwertungen im Vorfeld eine Wahrscheinlichkeit von rund 98 Prozent für ein Stillhalten. Dennoch ist das erneute Fed-Pausieren nicht ohne Brisanz. Denn US-Präsident Donald Trump macht keinen Hehl daraus, dass er von der Fed einen möglichst tiefen Leitzins erwartet und dass ihm nach Ende von Jerome Powells Amtszeit (im Mai) ein dem Weissen Haus gefügigerer Fed-Vorsitzenden vorschwebt, der den präsidialen Wunsch nach schnellen und umfangreichen Zinssenkungen vorbehaltlos unterstützt. Insofern ist das neuerliche Stillhalten der Fed auch eine nochmalige Abfuhr an die Beeinflussungsgelüste aus dem Weissen Haus.

Vom Ausfechten solcher Machtkämpfe ist die Schweizerische Nationalbank (SNB) weit entfernt. Zwar werden auch hierzulande immer mal wieder Stimmen laut, welche die SNB beispielsweise bezüglich der Nachhaltigkeit ihrer Anlagen oder der Gewinnausschüttung stärker an die Leine nehmen wollen. Doch anders als in den USA steht die Unabhängigkeit der Geldpolitik nicht grundsätzlich zur Debatte.

Die Schweiz ist zwar Zuschauerin – aber stark betroffen

Die Versuchung ist demnach gross, mit einer gewissen Nonchalance das Drama jenseits des Atlantiks aus der Ferne zu betrachten. Unserer Meinung nach wäre eine solche Haltung jedoch wenig angezeigt. Denn für die hiesige Zinslandschaft und den Aussenwert des Frankens – und damit auch für die Inflationsentwicklung – sind die Auswirkungen des Gerangels zwischen der Fed und dem Weissen Haus von grösserer Tragweite, als es zunächst den Anschein macht.

Der heutige Fed-Zinsentscheid mag für die Schweizer Geldpolitik zwar nicht unmittelbar entscheidend sein – als Signal zur «neuen Normalität» ist er aber von grosser Bedeutung: Wie hoch ist der globale Gleichgewichtszins in einer Welt strukturell höherer Fiskaldefizite, Demografie-Kosten und geopolitischer Spannungen? Je stärker die Fed kommuniziert, dass der US-Leitzins dauerhaft über dem Vorkrisenniveau bleibt, desto kleiner ist der Spielraum der SNB, mit ultra-tiefen Zinsen zu experimentieren, ohne den Franken in Richtung 0.75 gegen den Dollar zu treiben. Zumal die SNB im Dezember explizit festhielt, dass weder eine weitere Lockerung noch eine Straffung angezeigt sei, aber gleichzeitig erneut auf ihre Bereitschaft zu Devisenmarktintervention verwies. Heisst übersetzt: Sie will die Zinsen möglichst lange bei 0 Prozent halten – und notfalls lieber am Devisenmarkt eingreifen, als dem Fed-Zinszyklus 1:1 zu folgen.

Negativzins ist für die SNB weiterhin keine Option

Insofern würde eine massiv «dovishere» Fed – also eine, die ganz nach Trumps Gusto agiert – deutlichen Gegenwind für die Schweizer Währungshüter bedeuten, während ihnen die momentane Zurückhaltung der US-Notenbank in die Hände spielt. Denn zurzeit gehen die Markterwartungen noch von höchstens zwei weiteren Fed-Lockerungsschritten für 2026 aus, was sich auch mit unseren Prognosen deckt. Zwar impliziert das, dass der globale Rückenwind fallender Zinsen schwächer ausfällt, als es viele europäische Anleger vielleicht noch 2024/25 antizipierten. Aber gleichzeitig heisst das für die Schweiz:

  • Die SNB kann ihren Leitzins bei 0 Prozent halten, ohne von einem US-Zinsdrama in die Ecke gedrängt zu werden. 
  • Das Risiko auf eine Rückkehr in ein Negativzinsregime bleibt nach wie vor gering – die SNB spricht explizit von einer derzeit adäquaten, aber bereits expansiven Ausrichtung.
  • Schweizer Kapitalmarktzinsen bleiben tief, aber die Fantasie eines nochmals massiven Rückgangs wird durch ein «higher for longer» in den USA begrenzt.

Damit bleibt auch nach dem jüngsten Fed-Entscheid die Wirkung des klassischen SNB-Hebels (Zinssenkungen) begrenzt, um gegen Deflationsrisiken und Konjunkturschwäche vorzugehen. Zwar erwarten wir für das laufende Jahr ein Schweizer Wirtschaftswachstum von lediglich etwas mehr als einem Prozent, während die Inflation bis Ende 2026 nur in Richtung 0,3 Prozent ansteigen dürfte. Dennoch sind wir nach wie vor der Überzeugung, dass ein erneut negativer Leitzins für die SNB kein gangbarer Weg ist – nicht zuletzt aufgrund ihrer eigenen Rhetorik und den noch immer nachhallenden Erfahrungen mit dem letzten Negativzinsregime.

Der Franken als Zünglein an der Waage

Der viel wichtigere Transmissionskanal ist und bleibt damit die Wechselkursseite, was die Abhängigkeit vom weiteren Fed-Kurs zusätzlich unterstreicht: Senkt die Fed später und weniger stark als erwartet, stützt dies tendenziell den Dollar und begrenzt die Aufwertung des Frankens. Wird die Fed dagegen überraschend taubenhaft, erhöht dies den Druck Richtung eines noch stärkeren Frankens – und damit auf Export, Tourismus und Unternehmensgewinne.

Aus Sicht der Schweizer Konjunktur wäre somit eine «zu starke» Fed, die die Zinsen zu lange oben hält, möglicherweise weniger schädlich als eine übermässig «dovishe» Fed, welche den Franken in neue Höhen treibt. Dies sah man bereits nach den ersten Fed-Zinssenkungen 2025, als der USD/CHF-Wechselkurs zwischenzeitlich auf 14‑Jahres‑Tiefs absackte, bevor sich der «Greenback» wieder leicht erholen konnte. Ende 2025 bewegte sich das Paar im Bereich um 0.80, mit erhöhter Volatilität rund um Fed- und SNB-Meetings. Dieses Muster sollte sich auch 2026 fortsetzen.

Washington ist näher, als man denkt

Abschliessend ist festzuhalten, dass die eigentliche geldpolitische Divergenz im weiteren Jahresverlauf weniger zwischen Fed und SNB verlaufen dürfte, sondern zwischen offiziellen Leitzinsen und «gefühlten» Realzinsen der Haushalte. In den USA drücken höhere Nominalzinsen bei etwas erhöhter Inflation die reale Zinslast, während in der Schweiz tiefe Nominalsätze kombiniert mit sehr niedriger Inflation reale Sparzinsen und reale Hypozinskosten überraschend «scharf» erscheinen können.

Aus diesen Überlegungen heraus erachten wir die Debatte über die Fed als keine entfernte Washingtoner Technikdiskussion. Sie entscheidet vielmehr darüber, wie stark der Franken wird, wie viel Spielraum die SNB überhaupt noch hat und wie nachhaltig das Schweizer Wachstumsmodell der nächsten Jahre aussieht.

(Foto: Keystone / EPA, Michael Reynolds)

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