Markteinschätzung

Von Zinsen, Zimtsternen und Zwischenbilanzen

Wenn sich das Jahr seinem Ende zuneigt, senkt sich über die Wirtschaftsdebatte eine ungewohnte Ruhe. So passend diese Stimmung zur Weihnachtszeit sein mag, so wenig selbstverständlich ist sie. Für unsereins Grund genug, um bei einer Tasse Glühwein genau darüber zu sinnieren (und darüber, ob die nächsten Zinsprognosen wirklich schon in der ersten Januar-Woche fertig sein müssen).

Santosh Brivio
Publiziert
Lesedauer: 4 Minuten

Es gibt Wochen, da drängen sich die Themen förmlich auf – Zinsschritte, Währungsturbulenzen, geopolitische Irritationen. Und dann gibt es diese letzten Tage vor Weihnachten, in denen man überlegt, ob es wirklich noch einen volkswirtschaftlichen Aufsatz braucht, um festzuhalten, dass die Phillips-Kurve vielleicht gar keine Weihnachtsglocke ist. Wahrscheinlich nicht.

Ein Fazit mit weihnächtlicher Milde

Darum heute etwas Leichteres. Sozusagen eine wirtschaftliche Zwischenbilanz mit Zimtgeschmack: 2025 war ein Jahr sowohl der lauten als auch der leisen Töne. Tektonischen Verschiebungen (wie etwa Donald Trumps Zoll- und Aussenpolitik) wechselten sich mit inkrementellen Entwicklungen, beispielsweise in Form des Inflationsrückgangs in Europa. Unter den eher zaghaften Veränderungen ist nicht zuletzt auch der vorgenommene Kurswechsel der Fed einzuordnen: Die US-Notenbank liess den Zinsgipfel hinter sich und läutete einen vorsichtigen Senkungszyklus ein – zögerlich, fast misstrauisch gegenüber ihrem eigenen Erfolg. Die Arbeitslosenquote stieg leicht, aber von historisch tiefem Niveau, und der Aktienmarkt – immer mehr an monetäre Stützräder gewöhnt – reagierte auf jede Fed-Pressekonferenz, als hinge das Weihnachtswunder persönlich von Jerome Powell ab.

In Europa blieb die Geschichte träger, wie so oft: Die Europäische Zentralbank (EZB) zeigte sich hin- und hergerissen zwischen Wachstumsschwäche, politischer Fragmentierung und der Abhängigkeit vom US-Zinszyklus. Italien ringt mit seinen Schulden, Deutschland mit seiner nüchternen Seele. Die Konjunktur ächzt, die Industrie sucht ihre Energie. Und in diesem etwas müden Kontinent thront der Franken – nicht majestätisch, aber standfest, wie ein Bergdorf, das den Föhn immerhin besser kennt als die Wettermodelle.

Kein Rennmotor, aber zuverlässig

Die Schweiz also. Klein, aber nicht unbedeutend. Ökonomisch zwar nicht unverwundbar, wie gerade auch der Wirtschaftsrückgang im dritten Quartal schmerzlich unter Beweis stellte. Aber insgesamt eben doch von einer Stabilität, dass es fast altmodisch wirkt. Die Inflation liegt zwar ganz am unteren Rand des Zielbands der Schweizerischen Nationalbank (SNB) und damit nur noch einen Wimpernschlag von der gefürchteten Deflation entfernt. Die eingeschlafene Teuerung ist jedoch weitgehend eine Folge des starken Frankens. Und dass die Schweizer Währung diese Festigkeit aufweist, ist wiederum die Konsequenz aus dem anhaltend hohen internationalen Vertrauen in die politische, wirtschaftliche und institutionelle Stabilität unseres Landes. Wir schlagen uns also mit einer unerwünschten Nebenwirkung einer mehr als nur begrüssenswerten Ursache herum.

Blendet man die – aufgrund des US-Zollschocks nicht gänzlich überraschende – Wirtschaftsschrumpfung im Herbstquartal aus, so bleibt von der Schweiz denn auch das Bild einer robusten Volkswirtschaft, die auf einem soliden Fundament ruht. Der Motor läuft zwar nicht so hochtourig wie jener eines Rennwagens, aber doch beständig und zuverlässig: Anhaltende Frankenstärke, US-Zölle, schwache europäische Nachfrage – all dies kann zwar zu einem zeitweiligen Stottern des Motors führen, ein kompletter Aussetzer drohte und droht jedoch nicht.

Unaufgeregtheit ist Trumpf…

Insofern stellt sich aus helvetischer Sicht tatsächlich die Frage: Was bleibt eigentlich von einem Wirtschaftsjahr, das trotz herausfordernden Umfelds von fast schon typisch schweizerischer Behäbigkeit geprägt war? Vielleicht genau das. Vernunft, Beständigkeit, Vertrauen in die Institutionen – alles unaufgeregte Tugenden, die man erst dann zu schätzen weiss, wenn sie fehlen.

Die Schweiz hat meines Erachtens auch 2025 gezeigt, dass Stabilität kein Zufall ist. Sie entsteht aus Struktur, aber auch aus Kultur – aus dem unaufgeregten Pragmatismus einer Bevölkerung, die weder Hysterie noch Schönrederei mag. Während anderswo das Misstrauen gegenüber Zentralbanken oder politischen Eliten wächst, bleibt die SNB hierzulande weitgehend unangetastet. Nicht, weil sie unfehlbar wäre, sondern weil sie sich in der seltenen Kunst übt, Vertrauen nicht nur zu fordern, sondern zu verdienen.

…trotz grosser Herausforderungen

Natürlich wäre ich kein Vertreter meiner Berufsgattung, wenn ich nicht Schatten fände. Und ja – von diesen gibt es auch zum Jahresende einige. Die Produktivität stagniert, die Alterung der Bevölkerung schreitet voran, die Kostenentwicklung am Immobilienmarkt und im Gesundheitswesen sind (man kann es nicht anders ausdrücken) weitgehend ausser Kontrolle, bei der Altersvorsoge herrscht (auch das lässt sich nicht beschönigen) eine faktische Reformunfähigkeit, und die globalen Risiken – von geopolitischen Bruchstellen bis zu unausgereiften Klimapolitiken – verschwinden nicht, nur weil sich das Jahr gerade in seiner besinnlichen Phase befindet und die Märkte sozusagen schon seit gefühlter Ewigkeit in vorweihnächtlicher Stimmung sind.

Aber vielleicht ist gerade jetzt nicht die Stunde für Alarmismus. Vielleicht geht es im ökonomischen Denken zu selten um das, was funktioniert, und zu oft um das, was fehlt. Wirtschaft ist schliesslich kein Orakel, sondern ein System menschlicher Koordination – ein Versuch, das Chaos der Welt in zweckmässige Bahnen zu lenken. Wenn es uns also gelingt, angesichts von Krisen, Pandemie-Nachwehen oder Zollschocks ein Jahr zu erleben, das einfach nur… stabil war, dann ist das keine Langeweile. Es ist Luxus. Ein Luxus, den man pflegen sollte – mit Weitblick, aber auch mit einer Prise Genügsamkeit.

Mehr Langweile als Neujahrswunsch? Ja, unbedingt!

Doch bei aller Genügsamkeit und Unaufgeregtheit: Natürlich ist man spätestens Mitte Dezember gespannt und neugierig darauf, was einem im nächsten Jahr erwartet. Was also bringt 2026? Aus ökonomischer Sicht vermutlich kein grosses Spektakel. Die Weltwirtschaft wächst gemächlich, der Inflationsdruck bleibt international im Zaum und in der Schweiz vorerst sehr, sehr schwach. Der Franken wird seinen Nimbus als Fels in der Brandung nicht verlieren und seine Festigkeit behalten oder sogar noch leicht ausbauen. Allenfalls wird die SNB ihre Bilanz noch etwas verkürzen, vielleicht überrascht uns die Fed mit einem unkoordinierten Schritt, wahrscheinlich sehen wir in Europa wieder eine neue Runde von Finanzierungsdebatten, die keiner gewinnen kann.

Sie sehen – über die Kristallkugel verfüge selbstverständlich auch ich nicht. Aber da ja Weihnachtszeit ist, gestatte ich mir zumindest einen Wunsch: Was auch immer Angedachtes und Unerwartetes geschehen mag – bitte mit Mass. Turbulente Zeiten, Umbrüche und grosse Umwälzungen sind zwar aus beruflicher Sicht spannend. Aber so ganz unter uns – auch als Senior Economist wünscht man sich zwischendurch, dass die Zukunft langweilig-vernünftig bleibt.

Ein kurzes Innehalten

Jetzt habe ich zugebenermassen etwas ungewohnte Töne angeschlagen. Aber in der Adventszeit und bei der letzten Ausgabe der Kolumne «Blickpunkt» des Jahres sehen Sie mir das nach, nicht wahr? Und ich gelobe, im neuen Jahr wieder nüchterner zu schreiben – über Realzinsen, Geldpolitik, Wirtschaftswachstum, Verschuldung und natürlich über den ewigen Diskurs, ob der Franken überbewertet oder einfach nur beliebt ist.

Aber nicht heute. Heute plädiere ich für einen Moment der ökonomischen Gelassenheit. Für das Bewusstsein, dass stabile Preise, berechenbare Politik und gesunde Skepsis keine Selbstverständlichkeit sind. Und dass es manchmal genügt, innezuhalten, bevor man wieder in Excel-Tabellen und Konjunkturmodellen verschwindet oder sozusagen in das Bloomberg-Terminal reinkriecht.

In diesem Sinne, danke ich Ihnen für Ihr Interesse über das ganze Jahr und wünsche Ihnen frohe Festtage – ein paar Tage ohne Charts, ohne Datenfluten und ohne Prognosen. Und ein neues Jahr, das gerne wieder so ruhig sein darf, dass wir auch ausserhalb der Weihnachtszeit immer wieder mal Zeit finden, über Zimtsterne statt Krisen zu diskutieren.

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