Amerika wählt – die Schweiz wartet mit
Es geht nicht mehr lange bis zu den US-Zwischenwahlen, und die Spannung steigt. Ein geteilter Kongress bleibt unser Basisszenario. Doch für die Schweiz wäre eine gebremste Regierung noch keine berechenbare.
Am Dienstag, 3.November, wählen die USA ihren Kongress – im Rahmen der «Midterms» wird das gesamte Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu bestellt. Der Schlusswahlkampf hat dabei den Demokraten zusätzlichen Rückenwind gebracht. Hohe Benzinpreise und die durch Zölle verteuerten Lebenshaltungskosten belasten die Republikaner, während Trumps Zustimmung auf einem Tiefstand liegt. Selbst bisher sichere republikanische Wahlkreise sind umkämpft. Die teilweise Rücknahme von Kanada-Zöllen kurz vor der Wahl zeigt, wie sehr die Handelspolitik inzwischen auch innenpolitisch drückt.
Für die Mehrheit im Repräsentantenhaus benötigen die Demokraten lediglich drei zusätzliche Sitze. Wettmärkte veranschlagen ihre Übernahmechance auf 86 Prozent. Beim Senat ist das Bild wesentlich knapper: Dort sehen sie die Republikaner mit 53 Prozent leicht vorne.
Die Senatsrennen liefern Gründe für beide Parteien, nervös zu bleiben. Republikaner geraten selbst in Kansas unter Druck. Umgekehrt belasten innerdemokratische Spannungen die Kandidatur von Abdul El-Sayed in Michigan; in New Hampshire gewinnen die Republikaner an Boden. Zudem setzen diese stark auf die Mobilisierung am Wahltag. Der demokratische Rückenwind ist real, ein Durchmarsch aber keineswegs ausgemacht.
Wir halten deshalb an unserem im Oktober publizierten Basisszenario fest: Die Demokraten übernehmen das Repräsentantenhaus, die Republikaner behalten den Senat. Damals gewichteten wir diese Konstellation mit rund 50 Prozent. Die jüngsten Entwicklungen stützen weiterhin diese Rangfolge, auch wenn die Senatsmehrheit offenbleibt.
Eine lange Nacht – möglicherweise ein langer Monat
Für Schweizer Beobachter beginnt die entscheidende Phase in der Nacht auf Mittwoch, 4. November:
- Die ersten Wahllokale schliessen zwischen Mitternacht und 1 Uhr MEZ. Erste belastbare Einzelprognosen sind dann möglich.
- Zwischen 2 und 3 Uhr morgens folgen wichtige Staaten wie Pennsylvania, Michigan und Wisconsin; zwischen 5 und 6 Uhr schliessen die Lokale an der Westküste. Für eine verlässliche Einschätzung der Mehrheitsverhältnisse ist frühestens am Mittwochmorgen mit einem tragfähigeren Gesamtbild zu rechnen.
- Das ist aber noch kein Versprechen auf Klarheit an den Schweizer Frühstückstischen. Bei knappen Rennen können Briefwahlauszählungen die Entscheidung um Tage oder Wochen verzögern. Rechtliche Auseinandersetzungen könnten die Unsicherheit bis Ende November oder in den Dezember verlängern.
Langes Warten würde die Schwankungen an den Märkten erhöhen und die Flucht in sichere Anlagen begünstigen. Der Dollar könnte gegenüber risikoreicheren Währungen zulegen. Auch der Franken dürfte zusätzliche Zuflüsse erhalten. Für Schweizer Exporteure wäre das eine unerfreuliche Zwischenbilanz: Die Stimmen werden noch gezählt, der Währungsdruck wäre bereits da.
Entlastung, aber kein Freipass
Ein geteilter Kongress dürfte an den Aktienbörsen zunächst Erleichterung auslösen. Grössere Steuer- und Ausgabenpakete würden schwieriger, ebenso weitreichende neue Regulierung. Technologie-, Qualitäts- und Wachstumswerte könnten profitieren; für Pharma und Biotechnologie nähme das Risiko umfassender neuer Gesetze zur Medikamentenpreisgestaltung ab
Auch für international tätige Schweizer Unternehmen wäre grössere gesetzgeberische Kontinuität hilfreich. Daraus folgt jedoch keine automatische Börsenhausse: Ein stärkerer Franken belastet die in Schweizer Franken ausgewiesenen Auslandserträge. Zudem ist das erwartete Wahlergebnis bereits teilweise eingepreist. Budgetkonflikte und die Schuldenobergrenze bleiben mögliche Störfaktoren.
Die Frankenstärke hält an
Am Devisenmarkt spricht ein geteilter Kongress zunächst für einen weicheren Dollar: Weniger Aussicht auf zusätzliche Fiskalimpulse dämpft entsprechende Wachstums- und Zinserwartungen. Unsere frühere Einschätzung einer Dollarstabilisierung bleibt damit eher eine mittelfristige Möglichkeit als die wahrscheinlichste unmittelbare Wahlreaktion. Entscheidend bleiben Wachstum, Zinsdifferenzen und der Kurs der US-Notenbank.
Für die Schweiz bedeutet dies anhaltenden Aufwertungsdruck auf den Franken. Das erschwert die Lage der Exportwirtschaft und die Aufgabe der SNB bei einem Leitzins von 0 Prozent. Deviseninterventionen und ein für längere Zeit sehr tiefes Leitzinsniveau wäre trotz robuster Konjunktur und intaktem Inflationsbild nicht ausgeschlossen.
US-Staatsanleihen könnten vorderhand von sinkenden langfristigen Renditen profitieren. Eine nachhaltige Entwarnung scheint uns jedoch verfrüht: Politische Blockade verhindert zwar neue Ausgaben, saniert aber noch keinen Haushalt. Das hohe Defizit und Inflationsrisiken begrenzen das Potenzial für dauerhaft tiefere Renditen.
Für die Schweiz bleibt Washington ein Risikofaktor
Die wichtigste Einschränkung unseres Szenarios betrifft die Aussenwirtschaft: Ein demokratisches Repräsentantenhaus kann Trumps Zölle nicht einfach aufheben. Die Regierung behält erhebliche exekutive Handlungsmöglichkeiten bei Handel, Sanktionen und Aussenpolitik. Innenpolitische Blockade könnte ihren Tatendrang sogar stärker nach aussen lenken. Für die Schweiz ist ein geteilter Kongress deshalb keine handelspolitische Entwarnung.
Beim Wachstum bleiben die grossen Treiber unverändert. Der Iran-Krieg und hohe Ölpreise belasten Kaufkraft und Konjunktur, neue fiskalische Impulse würden unwahrscheinlicher. Für die Schweiz treffen damit gedämpfte Auslandsnachfrage, Zollrisiken und Frankenstärke zusammen. Unsere zentrale Botschaft vom Oktober bleibt bestehen: Der Wahlausgang verändert die politischen Spielräume. Den geopolitischen Gegenwind wählt er nicht ab.
Denn ein Präsident, der zu Hause weniger durchsetzen kann, muss deshalb nicht weniger bewegen wollen. Die nächste Bühne wäre die Welt – und die Schweiz sässe (wie wir das bei den Zöllen schmerzlich lernen mussten) nicht einfach nur im Publikum.
Amerika mag morgen und übermorgen die Stimmen zählen. Für die Schweiz zählt, was Trump daraus macht.
(Foto: Keystone / Jim Lo Scalzo)
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