Markteinschätzung

Von Innovationsfähigkeit, Strafzöllen und Wilhelm Tell: Gedanken zum 1. August

Zum diesjährigen Nationalfeiertag steht die Schweiz vor vielen innen- und aussenpolitischen Herausforderungen und versucht, ihren Platz in einer sich ändernden Welt zu finden. Darob geht zuweilen die Erstklassigkeit vergessen, welche unser Land in vielen Bereichen auszeichnet. Ein stärkeres Bewusstsein darüber ist für eine erfolgreiche Zukunftsgestaltung aber hilfreich.

Santosh Brivio
Publiziert
Lesedauer: 4 Minuten

Morgen ist der 1. August. Und auch wenn Pyrotechnik und Höhenfeuer ins Wasser – oder besser gesagt ins Trockene – fallen mögen, eines wird auch dieses Jahr nicht fehlen: Festansprachen, die landauf und landab zum Geburtstag unseres Landes gehalten werden. Ob diese euphorisch oder vorsichtig, pathetisch oder selbstkritisch, polternd oder leise ausfallen – ich bin überzeugt, dass heute manches Gemeindeoberhaupt, mehr oder wenige Prominente sowie Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft nochmals über ihren Manuskripten brüten und den Reden den letzten Schliff geben.

Mir geht es ähnlich. Denn selbstverständlich soll auch unser heutiger Blickpunkt ganz im Zeichen des Geburtstags unseres Landes stehen. Doch was soll man eigentlich schreiben? Was ist die grosse Geschichte, die es zum Nationalfeiertag eines kleinen Landes mitten in Europa zu erzählen gibt? Der einzelnen Themen gäbe es viele: politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche. Die einen geben Anlass zur Freude, die anderen etwas weniger.

Eine latente Verunsicherung

Aber die grundsätzliche Bestandesaufnahme zur berühmten «Lage der Nation» gestaltet sich 2026 meines Erachtens so schwierig wie schon lange nicht mehr. Denn man wird das vage Gefühl nicht los, dass sich die Schweiz seit geraumer Zeit in einer Krise befindet. Gewiss: Wir sprechen von keiner akuten ökonomische Bedrohung, von keinem gefährlichen institutionellen Wanken und von keiner gesellschaftlichen Zerreissprobe. Es ist vielmehr eine Krise des eigenen Selbstverständnisses, die sich schleichend breit macht. 735 Jahren nach den mythisch umrankten Anfängen unseres Landes ist vielfach nicht etwa Stolz und Zufriedenheit das vorherrschende Gefühl, sondern eher Zweifel und Ratlosigkeit.

Vom legendären «Freude herrscht!» eines ehemaligen Magistraten sind wir weit entfernt. Dabei ist der Zustand unseres Landes – gerade auch im internationalen Vergleich – in ganz vielen Bereichen gar nicht mal so schlecht, um nicht zu sagen: sogar ziemlich gut. Unsere Staatsfinanzen sind weiterhin sehr solide und weit entfernt von einem prekären Zustand, welcher wie vielerorts den finanziellen Handlungsspielraum drastisch einzuengen droht. Unser institutionelles Gefüge ist stabil und nicht durch das Erstarken extremer Bewegungen bedroht. Die Polparteien mögen in einer anhaltend hohen Wählergunst stehen, doch handelt es sich hier um etablierte und anerkannte politische Kräfte, welche zur traditionellen Klaviatur der eidgenössischen Politik zählen. Brandmauern gibt es hierzulande definitiv keine. Nicht zuletzt die subsidiäre Ordnung und der stark ausgebaute Föderalismus sorgen für einen bemerkenswert breiten Konsens über alle Staatsebenen hinweg und für die Einbindung relevanter politischer Kräfte.

Die Veränderung hat ein hohes Tempo – und wird gut absorbiert

Gesellschaftlich wird zwar munter und eifrig gestritten. Über alles allerlei Sinnvolles und weniger Sinnvolles. Doch unserem Land gelingt es nach wie vor oft, miteinander zu debattieren anstatt übereinander. Das ist insofern erstaunlich, als sich unsere Gesellschaft mit rasendem Tempo verändert. Die ungebrochen hohe Zuwanderung macht unsere Bevölkerung nicht nur Jahr für Jahr beträchtlich grösser, sondern auch heterogener. Das vollzieht sich nicht gänzlich ohne herausfordernde Begleiterscheinungen. Doch auch wenn wir unter überfüllten Zügen, verstopften Strassen und einem sehr angespannten Immobilienmarkt ächzen – insgesamt absorbieren wir die starken Immigrationsbewegungen in unser Land bewundernswert gut. Parallelgesellschaften gibt es unter den Zugewanderten ebenso wenig wie eine übermässig ausgeprägte Arbeitslosigkeit.

Neben den institutionellen und gesellschaftlichen Strukturen liegen die Gründe für diese Integrationsleistung vor allem in den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Und unsere Wirtschaft ist nun mal – darauf dürfen wir durchaus auch etwas stolz sein – sehr solide und kompetitiv aufgestellt.

Nicht Fussball- aber Innovationsweltmeisterin. Und wie!

Das zeigt sich wohl nirgends so eindrücklich wie bei der Innovationsfähigkeit. So führt unser Land den Global Innovation Index der WIPO 2025 zum 15. Mal in Folge an. Mit 66,0 Punkten deutlich vor Schweden (62,6) und den USA (61,7) – bei 139 bewerteten Volkswirtschaften. Die Schweiz ist dabei nicht nur Erste bei den Innovations-Outputs, sondern auch Zweite bei den Inputs. Sie produziert also mehr Innovationsergebnis pro eingesetzten Franken als jedes andere Land. 

Hinzu kommt der 1. Rang bei der der Innovationsverflechtung (Universität–Industrie) und bei kreativen Outputs: 1096 europäische Patentanmeldungen pro Million Einwohner im Jahr 2025 – fast doppelt so viel wie Finnland (613), gefolgt von Schweden und Dänemark (je 446), während Deutschland bei 293, Japan bei 173 und die USA bei 135 liegen. 

Die hohe Innovationskraft geht einher mit einer ebenfalls starken Wettbewerbsfähigkeit. Zwar gab die Schweiz im IMD World Competitiveness Ranking 2026 den Gesamtsieg von 2025 ab und liegt nun auf Rang 3 hinter Singapur und Hongkong. Dies aber wegen eines Einbruchs bei der «Economic Performance» von Rang 13 auf 37, getrieben von US-Zöllen und starkem Franken. Aber in den beiden strukturellen Säulen Infrastruktur und Regierungseffizienz bleibt sie unverändert Weltmeisterin, und sie ist weiterhin die bestplatzierte Volkswirtschaft Europas. Oder anders formuliert: Was am Standort schwächelt, ist hauptsächlich aussenverursacht – was ihn ausmacht, ist unverändert erstklassig.

Niedrige Teuerung, hoher Wohlstand

Zu erwähnen ist ferner die hiesige Preisstabilität, welche die Bezeichnung «stabil» im wahrsten Sinne des Wortes verdient. Zwar liegt die Inflation mit zuletzt 0,5 Prozent weiterhin im unteren Bereich des Zielbandes der Schweizerischen Nationalbank (SNB) von 0 bis 2 Prozent. Das heisst aber auch, dass die Sorge vor einem zu starken und kaufkraftfressenden Ausufern des Preisauftriebs weiterhin vor allem theoretischer Natur ist. Der Anstieg im Frühjahr ging fast vollständig auf den internationalen Energiepreisschock zurück. Der IWF bestätigte im Juni, die Inflation bleibe über den ganzen Prognosehorizont im SNB-Preisstabilitätsbereich. Dreissig Jahre vergleichsweise tiefe Inflation sind kein Zufall, sondern institutionelle Leistung.

Und nicht zuletzt – auch eine Folge der obigen Faktoren – ist unser hoher Wohlstand ins Feld zu führen. Selbst unter Berücksichtigung der Lebenskosten (also kaufkraftbereinigt) sind die Schweizer Löhne die höchsten Europas. Laut OECD «Taxing Wages 2026» ist die Schweiz mit 107'487 Euro (rund 99'960 Franken) das einzige Land mit einem Durchschnittsbruttolohn über 100'000 Euro (93'000 Franken). Ein Wohlstand, der sich auch in der Gesundheit und der Lebenserwartung spiegelt. 84,3 Jahre beträgt die Lebenserwartung hierzulande – 3,2 Jahre über dem OECD-Schnitt und der höchste Wert im OECD-Raum; bei behandelbarer Mortalität (34 pro 100'000 gegenüber OECD-Schnitt von 77) ist die Schweiz – einmal mehr – Erste.

Reformbaustellen gibt es auch bei uns – sehr grosse sogar

Woher kommen sie also, die Zweifel und die Verunsicherungen? Müssten wir angesichts dieser nur kleinen Auswahl an Standortvorteilen nicht vielmehr mit geschwellter Brust den 1. August begehen? Meiner Meinung nach rührt unser Hinterfragen sowohl von innen wie auch von aussen. Von innen, weil wir trotz aller Erfolge auch über verschiedene, grosse Baustellen verfügen, die wir seit Jahren – wenn nicht Jahrzehnten – nicht in den Griff bekommen. Reformen bei den Sozial- und Vorsorgewerken wollen uns nicht gelingen, obwohl die Probleme und der Handlungsbedarf seit einer gefühlten Ewigkeit bekannt sind. Die Gesundheitskosten ufern mit jährlicher Regelmässigkeit aufs Neue aus und sind mittlerweile eine ernstzunehmende Belastung bis weit in den Mittelstand hinein. Der Verkehr auf der Strasse und auf der Schiene operiert hart an (und immer häufiger über) der Kapazitätsgrenze. Der Wohnungsmarkt ist seit Jahren so ausgetrocknet wie die Felder und Wiesen in diesem Sommer.

Die Beispiele zeigen: Bei aller Staatseffizienz sehen wir uns mit Herausforderungen konfrontiert, deren Kernproblematik wir zwar erkennen, wir uns aber mit einer Lösung sehr, sehr schwertun. Man muss es so konstatieren: Den unbestrittenen Vorteilen zum Trotz wirkt die Schweizer Politikordnung mit ihren einzigartigen Mitspracherechten im Ringen um schnelle und nachhaltige Reformen eher bremsend als beschleunigend. 

Wo ist unser Platz in der Welt, und gibt es überhaupt (noch) Freunde?

Der Zweifel wird aber auch von aussen genährt. Das Erfolgsmodell der Schweiz gerät immer mehr unter Druck und wird vermehrt zur Zielscheibe. Ob dies aus fehlgeleitetem wirtschaftlichem (Neo-)Imperialismus, aus dem wieder entdeckten Hang zum Protektionismus oder aus schlichtem Neid erfolgt, ist dabei unerheblich. Tatsache ist, dass die Schweiz mit Strafzöllen klarkommen muss, ob es ihr passt oder nicht. Tatsache ist, dass sie ihr Verhältnis zu einer immer unverhohlener Druck ausübenden EU klären muss, welche mehr schlecht als recht kaschiert, die zukünftigen Beziehungen zu ihren Gunsten auslegen zu wollen. Und Tatsache ist auch, dass sich die Schweiz den geopolitischen Turbulenzen nicht entziehen kann und sie sich wieder mit ihrer Verteidigungsfähigkeit auseinandersetzen muss.

Womit wir beim Selbstverständnis angelangt sind. Meiner Meinung nach fällt es unserem Land schwer zu akzeptieren, dass auch das vorbildlichste und regeltreuste Verhalten nicht mehr ausreicht, um auf dem internationalen Spielfeld sozusagen automatisch ein Mindestmass an Wohlwollen zu erhalten. Die kleine Schweiz muss plötzlich mit den harten Bandagen der grossen Länder kämpfen, was aufgrund ihrer Grösse bzw. Kleinheit vermehrt zu einem Gefühl der Ohnmacht führt. Die Diskrepanz zwischen gesinnungsethisch Richtigem und verantwortungsethisch Gebotenem und Realistischem dürfte bei dieser Ausgangslage weiter zunehmen. Sei es in der Wirtschaftspolitik oder beim Klimaschutz, sei es bei der Energieversorgung oder bei der Verteidigung, sei es bei der Beziehungsausgestaltung zur EU und zur Welt: Der «Niedlichkeits-Bonus» (in welcher Form er auch überhaupt existieren mochte) ist vorbei, und wir müssen auf eine für uns ungewohnt harte Tour lernen, dass Staaten eben doch nur Interessen und keine Freunde haben.

Es herrschen letztlich Zeiten des Umbruchs. Die guten alten Zeiten der regelbasierten Ordnung sind zu einem grossen Teil vorbei, und sie werden auch nicht zurückkommen, wenn amtierende Regierungen dies- und jenseits des Atlantiks die politische Bühne verlassen haben. 

Umbruchzeiten sind für die Schweiz nichts Neues

Den Königsweg, den die Schweiz in solchen Zeiten beschreiten könnte, gibt es nicht. Es ist ein permanentes Ausloten der aussenpolitischen Möglichkeiten und ein ebenso permanenter Versuch zur Aufrechterhaltung der Handlungsfreiheiten. Das ist und wird nicht einfach. Aber passend zum 1. August hilft vielleicht ein Blick zurück zum sagenumwobenen Wilhelm Tell, zu den Mythen, Erzählungen, aber auch historischen Tatsachen rund um den Anbeginn der Schweiz. Damals im ausgehenden 13. Jahrhundert befand sich Europa ebenfalls im Umbruch. Der Tod von Rudolf I. löste ein Machtvakuum im Heiligen Römischen Reich aus, in Süditalien tobte ein zwanzigjähriger Krieg zwischen Aragon, Anjou, Frankreich und dem Papsttum, die Kreuzzugepoche ging zu Ende, und die feudale Agrarwirtschaft stiess an ihre Produktionsgrenze, während gleichzeitig die Kleine Eiszeit mit Missernten und Hungersnöten anbrach.

Und doch nahm in diesen turbulenten, harten und schwierigen Zeiten ein Gebilde seine Anfänge, das sich zu einem der erfolgreichsten Staaten entwickeln sollte. Bis es so weit kam, bedurft es vieler schmerzlicher Erfahrungen und Kämpfe im Innern sowie im Äusseren. Es benötigte Druck, aber auch Hilfe von aussen, Ringen mit sich selbst, glänzende Erfolge und krachende Niederlagen. Und dennoch stehen wir heute da, wo wir sind. Weil sich etwas von Beginn über all die Jahrhunderte bis zum heutigen Tag gegen alle Widerwärtigkeiten und Prüfungen durchgezogen und behauptet hat: der Wille zum Zusammenhalt, das Fokussieren auf das Gemeinsame statt auf das Trennende und das Wissen um das historische Erbe – so legendenumwoben und mythosbehaftet es auch sein mag. Tragen wir diesen Werten Sorge, sind wir uns bewusst, was wir sind, was wir wollen und was wir können, so bin ich überzeugt, dass die Schweiz einmal mehr in einer sich ändernden Welt ihren Platz behaupten kann. Oder um es mit einer Kombination von zwei berühmten Aufrufen (Angela Merkel und John F. Kennedy) zu formulieren: «Wir schaffen das! Nicht weil es einfach ist, sondern weil es schwierig ist!»

Ich wünsche Ihnen einen schönen 1. August.

(Foto: Keystone / Urs Flüeler)

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