Markteinschätzung

US-Midterms: Blaue Welle führt zu Tech-Ausverkauf an den Börsen

Am Donnerstag nach den Zwischenwahlen (Midterms) kam es in den USA zu einem breiten Ausverkauf im Technologiebereich, der in der Folge auch auf andere Regionen übergriff. Auslöser sind Befürchtungen, dass sich der Ausbau der KI-Infrastruktur nach der Machtübernahme der Demokraten im US-Kongress bei den Zwischenwahlen aufgrund verstärkter Regulation verlangsamen könnte. Wir schätzen die Lage ein.

Michael Birrer
Publiziert
Lesedauer: 3 Minuten

Der ausgeprägte Sell-off – der breite US-Technologieindex Nasdaq Composite verlor allein am Donnerstag, 5. November, rund 5,5 Prozent – fand vor dem Hintergrund einer erneut aufflammenden KI-Skepsis statt. Dazu beigetragen haben vor allem Sorgen über die Finanzierung von KI-Projekten in einem Umfeld höherer Zinsen, durchzogene Quartalsergebnisse sowie teilweise negative operative Cashflows der Hyperscaler wie Alphabet, Meta oder Amazon.

In der Folge wuchsen bei Marktteilnehmern die Zweifel an der Nachhaltigkeit der aktuellen Gewinnhausse im Zuge des KI-Trades. Bereits im Vorfeld der Zwischenwahlen setzte deshalb eine deutliche Sektorrotation ein: Anlegerinnen und Anleger verkauften Engagements im Technologie- und Halbleitersektor und schichteten in defensive Bereiche wie Grundnahrungsmittel und Gesundheitswesen um.

US-Zwischenwahlen als Katalysator

In diesem angespannten Umfeld wirkte der Erdrutschsieg der Demokraten bei den US-Zwischenwahlen als zusätzlicher Katalysator. Mit der Machtübernahme der demokratischen Partei im Kongress und auf Bundesstaatsebene steigen die Risiken für eine Verlangsamung beim Ausbau der KI-Infrastruktur. Den Hyperscalern als zentrale Treiber des Rechenzentrumsbooms dürfte in den kommenden zwei Jahren ein rauerer regulativer Wind entgegenblasen.

Die möglichen Hürden reichen von einer stärkeren finanziellen Beteiligung der Unternehmen am Ausbau der Netzinfrastruktur bis hin zu Moratorien. Eine solche Entwicklung könnte den Ausbau der KI-Infrastruktur spürbar verlangsamen. Angesichts der zentralen Bedeutung dieser Investitionen für grosse Teile des Technologiesektors und – in geringerem Ausmass – für den Industriesektor würde dies die Gewinnentwicklung merklich dämpfen und entsprechend negative Auswirkungen auf die Aktienkurse haben.

Zusätzlich ist der KI-Infrastrukturausbau inzwischen auch für die US-Konjunktur von entscheidender Bedeutung: Ein beträchtlicher Teil des Wachstums in den USA speist sich mittlerweile aus diesen Investitionen.

Risiken ernst nehmen – aber nicht überbewerten

Vor diesem Hintergrund müssen die Risiken einer Ausweitung der aktuellen Korrektur ernst genommen werden. Bislang war das Repricing im Technologiesektor von einer deutlichen Rotation in defensivere Marktsegmente begleitet. Diese Umschichtung zeigt ein hohes Mass an Rationalität – ein zentrales Merkmal, das eine Korrektur von einem Crash unterscheidet. Dennoch besteht aufgrund der Bedeutung des KI-Infrastrukturausbaus für Börsen und Konjunktur das Risiko, dass sich die Korrektur auf weitere Sektoren ausweitet.

Gleichzeitig darf die Gefahr einer massiven Verlangsamung des KI-Infrastrukturaufbaus nicht überschätzt werden. Zwar verfügen die Demokraten nun sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat über eine Mehrheit. Donald Trump kann Gesetzesvorlagen jedoch weiterhin mit seinem Vetorecht blockieren. Die in beiden Kammern erforderliche Zweidrittelmehrheit, um dieses Vetorecht zu überstimmen, dürfte insbesondere für weitreichende oder radikale Vorlagen schwer zu erreichen sein.

Eine Korrektur – aber nicht das Ende des KI-Trades

Vor diesem Hintergrund erwarten wir derzeit nicht, dass sich die laufende Korrektur im Technologiesektor zu einem breiten Bärenmarkt ausweitet. Allerdings dürfte die Volatilität an den Märkten so lange erhöht bleiben, bis die nötigen Gewinnrevisionen in den Kursen verarbeitet sind. In diesem Umfeld ist auch mit weiteren zwischenzeitlichen Kursverlusten zu rechnen. 

Ein abruptes Ende des KI-Trades sehen wir derzeit aber nicht. Das starke Umsatzwachstum der Hyperscaler im Cloudgeschäft signalisiert weiterhin eine hohe Nachfrage nach KI-Infrastruktur, die den Ausbau auch in den kommenden Monaten stützen und die Cashflows positiv beeinflussen dürfte. Die gestiegenen Risikoaufschläge für KI-Infrastrukturanbieter an den Kreditmärkten zeigen, dass sich die Märkte der Umsetzungsrisiken bewusst sind. Zudem sprechen die verhältnismässig moderaten Bewertungen an den Aktienmärkten grundsätzlich für eine solide, nachhaltige Marktentwicklung und insbesondere gegen eine Bewertungsblase.

Die Risiken für eine Verlangsamung beim Bau von Rechenzentren haben zwar zugenommen. Die Einpreisung dieser Risiken erachten wir jedoch als gesunde Entwicklung: Sie korrigiert frühere Übertreibungen und schafft die Grundlage für eine langfristig stabilere KI-Entwicklung.

Ruhe bewahren und von Panikverkäufen absehen

Anlegerinnen und Anlegern raten wir, auf überstürzte Reaktionen zu verzichten und an ihrer Strategie festzuhalten. Die Vergangenheit zeigt, dass zwischenzeitliche Korrekturen insbesondere in Phasen bedeutender technologischer Umbrüche ein normaler Bestandteil des Anlagezyklus sind.

(Foto: Keystone / John Angelillo)

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