Markteinschätzung

Die Inflation in der Schweiz nimmt weiter zu – die SNB kann aber weiter abwarten

Infolge der Energiekrisenlage stieg die Schweizer Inflation auch im Oktober weiter. Dennoch bleibt der Preisauftrieb im Vergleich zu den Ländern der Eurozone und den USA verhalten und setzt die Schweizerische Nationalbank (SNB) für die Lagebeurteilung von Dezember nicht unter Zugzwang.

Valentino Guggia
Publiziert
Lesedauer: 3 Minuten

Im Oktober stieg die Inflation auf 1,5 Prozent an. Das ist der höchste Stand seit Dezember 2023 und stellt für schweizerische Verhältnisse schon ein beträchtliches Niveau dar. In den zwölf Monaten vor dem Ausbruch des Iran-Konflikts lag die Teuerung ganz am unteren Rand des Zielbandes der Schweizerischen Nationalbank (SNB) zwischen 0 und 2 Prozent. Damals, insbesondere im zweiten Halbjahr 2025, diskutierte man über die mögliche Entstehung einer Deflationsphase und ob die SNB die Negativzinsen wiedereinführen sollte, um den Aufwertungsdruck auf den Franken zu dämpfen und somit den negativen Beitrag der importierten Waren zur Inflation zu verringern. Nun steht die SNB wieder vor einem Zinsschritt, allerdings in die gegenteilige Richtung. Dennoch dürfte der Abschied von der Nullzinspolitik erst im nächsten Jahr 2027 erfolgen. 

Der Täter ist klar

Die Zunahme der Inflation seit März ist fast ausschliesslich auf die Preissteigerungen bei den Erdölprodukten zurückzuführen, die im Oktober 40 Prozent mehr als ein Jahr zuvor kosteten. Der deutliche Anstieg der Preise der fossilen Energieträger ist indessen nicht nur auf die Liefereinschränkungen aus dem Nahen Osten zurückzuführen, sondern auch hausgemacht. Die Erdölraffinierung in der einzigen Raffinerie der Schweiz (in Crissier NE) musste Anfang September aufgrund eines technischen Defekts vorübergehend eingestellt werden, und der tiefe Rheinpegel schränkte den Schifftransport der Mineralölprodukte deutlich ein. Die Verknappung des Angebots bei einer unelastischen Nachfrage – Echtzeitauswertungen deuten auf keine markante Verringerung des Strassenverkehrs hin – führte zu markanten Preissteigerungen an der Zapfsäule. 

Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) stufte in seinem jüngsten Wochenbericht die Energieversorgungslage als sehr angespannt ein. Die Versorgung sei grundsätzlich sichergestellt, das BWL warnt aber vor einer kritischen Lage bei Diesel und Kerosin. Zur Milderung der Situation beschloss der Bund eine partielle Freigabe der Pflichtlager. 

Auch der Erdgaspreis hat sich im Laufe des Jahres fast vervierfacht. Da die Schweiz über keine relevanten Gasspeicher verfügt, muss sie auf die Speicherkapazität der Nachbarländer zurückgreifen, die zurzeit weniger gefüllt sind als im historischen Durchschnitt. Auch wenn Gas nur einen kleinen Teil des Schweizer Energiemixes ausmacht, bedeutet die Preisverdreifachung gegenüber 2025 während der nachfragestarken Heizperiode eine zusätzliche finanzielle Belastung der Kaufkraft der Haushalte. Da die Engpässe in der Lieferung anhalten, ist für Gas mit einer weiteren Verteuerung zu rechnen.

Vorerst keine Ausbreitung der Teuerung

Die Preise der übrigen Waren und Dienstleistungen, die den Warenkorb des Landesindex der Konsumentenpreise ausmachen, stiegen seit März nur marginal an. Mit anderen Wörtern: Zurzeit zeichnen sich Zweitrundeneffekte vorerst nicht ab. Der Preisauftrieb betrifft diejenigen Konsumbereiche, die direkt den Treibstoffpreisen ausgesetzt sind wie «Verkehr» sowie «Wohnen und Energie». Dennoch könnte sich die Lage ändern, wenn es zu keiner baldigen Entschärfung bei den Energiepreisen kommt. So könnte sich die Inflation auf weitere Konsumbereiche ausweiten, wenn die Unternehmen, die am stärksten von den Preiserhöhungen betroffen sind, den Konsumenten einen Teil der angestiegenen Produktionskosten überwälzen sollten. 

Ein weiterer Zweitrundenffekt ist das Lohnwachstum, das in der Schweiz historisch betrachtet tief ausfällt. Im Gegensatz zu anderen Ländern liegen Daten zur Lohnentwicklung erst mit grosser zeitlicher Verspätung vor: Daten zum ersten Halbjahr 2026 zeigen eine schwache Entwicklung der nominalen Löhne. Wenn diese Dynamik auch in der zweiten Jahreshälfte Bestand hat, werden die schweizerischen Haushalte reale Lohneinbussen erleiden. 

Was bedeutet das für die SNB?

Für die Lagebeurteilung vom Dezember ist noch viel offen. Sicher ist nur, dass die SNB ihre Inflationsprognose nach oben revidieren muss. Wir rechnen vorerst mit einer Fortsetzung des Stillhaltens. Zurzeit bliebt die Inflation weiterhin innerhalb des Preisstabilitätsbereichs, und es gibt noch kein Anzeichen von Zweitrundeneffekten. In dieser Phase geht es noch um eine Inflation, deren Ursache ausserhalb des Einflusses einer Zentralbank liegt. 

(Foto: Keystone / Christian Beutler)

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