Im Auge des Sturms?
Der Schweizer Aussenhandel ist unter Druck. Das ist spätestens seit den US-Zöllen allen klar. Ein Hoffen auf die europäischen Partner dürfte sich aber als trügerisch erweisen.
39 Prozent. So hoch ist der Zollsatz, den Donald Trump auf einen Grossteil der Schweizer Warenausfuhren in die USA verhängte. Ausgenommen bleiben (vorerst?) Pharmaprodukte und Gold. Trotz dieser Sonderbehandlung essenzieller Produktgruppen sind die US-Zölle für die hiesige Exportwirtschaft schmerzhaft. Schliesslich sind die Vereinigten Staaten unser wichtigster Einzelabnehmer.
Dennoch sei die Behauptung gewagt, dass die Schweizer Wirtschaft diese Belastung grundsätzlich absorbieren könnte. Zwar nicht spurlos, aber doch mit überschaubaren Schäden. Der für das Wachstum äusserst wichtige Binnenkonsum bleibt robust, und als eng mit Europa verflochtene Volkswirtschaft kann der Druck auf den Aussenhandelsbeitrag durch die europäischen Handelspartner zumindest abgefedert werden.
Wenn das Wörtchen «wenn» nicht wäre…
Wenn diese Handelspartner denn konjunkturell in einer einigermassen gesunden Verfassung sind. Womit wir bei einem kleinen, aber entscheidenden «Wenn» wären. Denn der konjunkturelle Zustand Europas ist alles andere als rosig. Das zeigt sich nicht nur auf gesamteuropäischer Ebene, sondern auch beim Blick auf unsere Nachbarländer.
Angefangen bei Deutschland, unserem mit Abstand wichtigsten Handelspartner in Europa. Das einstige und unangefochtene Zugpferd der Europäischen Union präsentiert sich seit geraumer Zeit als lahmender Ackergaul, der nicht mehr recht Tritt finden will. Das Wachstum stagniert auch im laufenden Jahr und wies zuletzt sogar wieder ein negatives Vorzeichen auf. Die Reform- und Aufbruchstimmung nach der Regierung Scholz ist bereits wieder verflogen, die strukturellen Probleme bleiben, und es droht das dritte Jahr in Folge mit einer Wirtschaftsschrumpfung.
Die französische Katze beisst sich selbst in den Schwanz
Im höchsten Masse angespannt zeigt sich die Lage auch bei unserem westlichen Nachbarn. Dort droht Premier François Bayrou nämlich am 10. September über die Vertrauensfrage in der französischen Nationalversammlung zu stolpern. Dem erst seit Ende Dezember 2024 amtierenden Bayrou dürfte damit das gleiche Schicksal ereilen wie seinen Vorgänger Michel Barnier. Dieser bekleidete das Amt nur gerade drei Monate.
Zur politischen Schicksalsfrage wurde für Barnier wie auch für Bayrou die Bemühungen um dringend nötige Reformen in einem reformunfähig anmutenden Land. Aktuell entfacht sich der Unmut der Französinnen und Franzosen an den Regierungsplänen zur Streichung zweier Feiertage. Dabei entspräche ein solcher Schritt nicht einmal dem berühmten kleinen Tropfen auf dem heissen Stein. Denn die zweitgrösste Volkswirtschaft Europas leidet seit Jahren unter verkrusteten Wirtschaftsstrukturen, gesellschaftlichen und demografischen Herausforderungen sowie zügelloser Haushaltspolitik. Die private Konsumnachfrage bleibt trotz abflachender Inflation verhalten, und der noch kein einziges Mal (!) ausgeglichene Staatshaushalt wird auch 2025 erneut ein tiefrotes Minus ausweisen.
Kein Wunder also, klettert die französische Staatsverschuldung in immer schwindelerregendere Höhen (zuletzt rund 114 Prozent des Bruttoinlandprodukts), was die Notwendigkeit zu schmerzhaften Konsolidierungsmassnahmen immer dringender macht. Weil diese aber beim protestfreudigen Volk kein Gehör finden, beisst sich die Katze selbst in den Schwanz – mit entsprechend negativen Effekten auf Investitionen und Wachstum.
Italien: Die Politik hat sich stabilisiert, die Probleme bleiben
Verglichen mit Frankreich mutet die Situation in Italien ungewohnt stabil an. Nach sechs Regierungen innerhalb von zehn Jahren – seit dem Ende des zweiten Weltkriegs waren es deren 71 – ist mit der seit knapp drei Jahren regierenden Giorgia Meloni so etwas wie Beständigkeit in Rom eingekehrt.
Doch auch diese politische Kontinuität vermag nicht über den wirtschaftlichen Kriechgang der drittgrössten Eurozone-Volkswirtschaft hinwegtäuschen. Das Wachstum ist schwach und liegt unter dem europäischen Durchschnitt. Die ausufernde Staatsverschuldung (rund 138 Prozent des Bruttoinlandprodukts) mit dementsprechend hohen Zinskosten schnüren dem italienischen Staat immer mehr die Luft ab. Investitionen in die teilweise marode Infrastruktur gestalten sich damit schwierig, derweil die Arbeitslosigkeit insbesondere im Süden des Landes erhöht bleibt.
Der österreichische Charme ist noch da. Die hohen Energiepreise ebenso
Bleibt noch Österreich. Das östliche Nachbarland der Schweiz sieht sich mit einer anhaltend herausfordernden Konjunkturlage konfrontiert. Nach zwei Jahren mit rückläufiger Wirtschafsleistung steuert die Alpenrepublik für 2025 auf eine Stagnation zu. Das mag zwar als Stabilisierung scheinen, der Erholungspfad dürfte aber lang und steinig werden und zudem von vielen Unsicherheiten geprägt sein.
So notiert die Arbeitslosenquote auf einem deutlich erhöhten Niveau von rund 7,5 Prozent, die hohen Energiepreise stellen eine fortwährende Belastung für die Industrie und die Privathaushalte dar (30 Prozent höher als bei Jahresbeginn), das Haushaltsdefizit ist verhältnismässig hoch, und die Inlandsnachfrage steht unter Druck. Eine schnelle und nachhaltige Rückkehr auf den Wachstumspfad ist unter diesen Vorzeichen nicht zu erwarten.
Bloss keine geografischen Klumpenrisiken
Ob in Deutschland oder in Frankreich, ob in Italien oder in Österreich – die wirtschaftliche Situation unserer Nachbarländer ist wie in weiten Teilen Europas bestenfalls angespannt. Konjunktureller Gegenwind, gepaart mit strukturellen Problemen und (teilweiser) politischer Lähmung, bilden eine ungemütliche Ausgangslage, die wenig Hoffnung auf eine schnelle Erholung macht. Entsprechend gering fällt das Potenzial aus, dass die europäischen Handelspartner sozusagen das Ungemach kompensieren können, dem die Schweizer Exportbranche im Handel mit den USA gegenübersteht.
Umso mehr gilt es für die Schweiz, den Aussenhandel möglichst stark geografisch zu diversifizieren. Sie sollte tunlichst vermeiden, dass konjunkturelle und/oder (handels-)politische Unwetter bei einzelnen Handelspartnern überhaupt zu einer existenziellen Gefahr heranwachsen können. Gelingt unserem Land dies, braucht es sich auch vor künftigen Stürmen im nahen und fernen Ausland nicht übermässig zu sorgen. Denn im Auge des Sturmes bleibt es bekanntlich immer relativ ruhig.
(Foto Keystone / Peter Klaunzer)
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