Der lange Schatten von 9/11
Ein Vierteljahrhundert nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ist die unmittelbare Fassungslosigkeit zwar historisch geworden, nicht aber ihre wirtschaftliche Wirkung. Der unmittelbare Schock mag gewichen sein – in Staatsbudgets, Risikoprämien, Lieferketten, Versicherungsverträgen oder Zentralbankbilanzen hallt er noch immer nach.
Heute vor 25 Jahren änderte sich die Welt. Für jene, welche alt genug waren, um die Terroranschläge des 11. September 2001 bewusst wahrzunehmen, gibt es eine Welt davor und eine Welt danach. Zu denen gehöre auch ich – und wie so unzählige andere auch, weiss ich haargenau noch, was ich tat und wo ich war, als ich von den unfassbaren Ereignissen hörte, geschweige denn die ersten Bilder sah.
Die einstürzenden Twin Towers, die andere Passagiermaschine im Pentagon, das auf einem Feld zum Absturz gebrachte vierte Flugzeug – selbst ein Vierteljahrhundert später läuft es einem ob dieser Erinnerung kalt den Rücken hinunter. Auch ein Vierteljahrhundert später findet man zu diesem Ausmass an unnötigem Hass, Tod und Zerstörung kaum Worte.
Ein neue Normalität
Auch aus diesem Grund beschränken wir uns an dieser Stelle auf eine nüchterne Dimension der Ereignisse von damals. Die Anschläge führten nicht nur zu Leid und Schmerz, sondern auch zu ökonomischen Folgen, die bis heute andauern, uns aber kaum mehr bewusst sind.
Wer am Flughafen etwa die Schuhe ausziehen muss und Flüssigkeiten in kleinen Behältern durch die Sicherheitskontrolle trägt, denkt kaum an volkswirtschaftliche Langfristfolgen. Man stellt den Koffer aufs Band, klappt den Laptop auf, blickt auf die Anzeigetafel – und nimmt die minutiös organisierte Unterbrechung des Alltags als Teil des Reisens hin. Nur schon dieses Beispiel illustriert: Vieles, was mit dem 11. September 2001 als Ausnahme begann, ist mittlerweile zum dauerhaften und akzeptierten Kostenblock geworden.
Insofern hat sich das System erstaunlich gut angepasst. Aber besser als befürchtet ist nicht automatisch gut.
Der Schock war gross,…
Kehren wir erst einmal zurück zu jenen verhängnisvollen Tagen vor 25 Jahren: Allein die direkten Schäden waren bereits aussergewöhnlich. Die versicherten Verluste aus der Zerstörung des World Trade Center, des Pentagon-Angriffs und den Folgekosten wurden auf 55 bis 60 Milliarden Dollar geschätzt. Für New York City belief sich der gesamte wirtschaftliche Schaden – Gebäude, Infrastruktur, verlorene Wertschöpfung, Notfallmassnahmen – auf rund 83 bis 95 Milliarden Dollar. Damals war dies das grösste versicherte Schadenereignis der Geschichte.
An den Finanzmärkten zeigte sich die Verunsicherung innert Tagen. Die amerikanischen Börsen blieben vier Handelstage geschlossen, so lange wie seit 1933 nicht mehr. Bei der Wiedereröffnung am 17. September fiel der S&P 500 zunächst deutlich; bis zum 21. September verlor er gegenüber dem Schlusskurs vor den Anschlägen 11,6 Prozent. Ende Oktober hatte sich der Index teilweise erholt, doch für September und Oktober zusammen blieb ein Minus von 6,3 Prozent.
…die Rechnung noch grösser
Die ökonomische Tragweite geht jedoch über den Börsenrückgang und die Zerstörung von Bausubstanz hinaus. Aktienkurse können sich erholen, Gebäude lassen sich wieder aufbauen. Schwieriger wird es, wenn sich eine Gesellschaft und ihre Unternehmen dauerhaft anders organisieren müssen. Nach dem 11. September stiegen die Kosten nicht bloss einmalig an; sie wurden institutionalisiert.
Das gilt besonders für den Luftverkehr. Die Umsätze der Branche brachen von ihrem Höchst- bis zum Tiefpunkt um 23 Prozent ein, die Erholung dauerte mehr als zwei Jahre. Die US-Regierung stützte die Airlines innert Tagen mit 15 Milliarden Dollar und schuf zugleich die Transportation Security Administration, kurz TSA. Damit wurde aus der Sicherheitslücke ein permanenter Staatsapparat – und aus einem ausserordentlichen Ereignis ein wiederkehrender Budgetposten.
Sicherheit als laufenden Ausgabe
Vor 2001 war Sicherheit im Wirtschaftsalltag wichtig, aber sie war selten ein eigenständiges Organisationsprinzip. Danach änderte sich das. Flughäfen, Finanzplätze, Konzerne, Stadien, Behörden und kritische Infrastrukturen mussten ihre Abläufe neu gestalten. Zugangskontrollen, Überwachung, Notfallplanung, Datenanalyse, Grenzformalitäten, Cyberabwehr: Vieles davon ist sinnvoll und notwendig. Aber es ist nicht gratis.
Volkswirtschaftlich gesprochen erhöhte sich die sogenannte Transaktionskostenschicht. Damit sind jene Ausgaben gemeint, die nicht direkt ein Produkt verbessern oder eine Dienstleistung attraktiver machen, sondern ermöglichen, dass wirtschaftliche Aktivität unter erhöhtem Risiko überhaupt stattfinden kann. Das ist keine Kritik an Sicherheit. Es ist eine Erinnerung daran, dass Sicherheit Ressourcen bindet: Kapital, Personal, Technologie, Zeit und politische Aufmerksamkeit.
Schneller drehendes Ausgabe-Karussell
Für die USA wurde dies besonders sichtbar. Das Department of Homeland Security existierte vor dem 11. September nicht. Für das Fiskaljahr 2026 werden allein bei dieser Behörde Vertragsausgaben von rund 61 Milliarden Dollar erwartet; mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Die gesamte Sicherheitsarchitektur aus Grenzschutz, Flugsicherheit, Nachrichtendiensten und Infrastrukturüberwachung ist noch wesentlich grösser.
Das ist der Mechanismus einer staatlichen Ausgabespirale: In der Krise steigt der Staatshaushalt kräftig an, danach sinkt er nicht mehr auf das frühere Niveau zurück. Neue Aufgaben schaffen neue Institutionen, neue Institutionen schaffen dauerhafte Budgets. Man kann über einzelne Programme streiten. Schwerer zu bestreiten ist, dass die Untergrenze der öffentlichen Ausgaben nach oben verschoben wurde.
Von Krieg und Schulden…
Die langfristig teuerste Folge des 11. September liegt deshalb nicht in Manhattan, sondern in Washingtons Staatsrechnung. Die Kriege in Afghanistan, Irak und weiteren Einsatzgebieten kosteten – je nach Abgrenzung – weit mehr als die ursprünglich bewilligten Militärbudgets. Werden langfristige Veteranenleistungen und Finanzierungskosten einbezogen, schätzt das Costs of War Project die Gesamtkosten auf über 8 Billionen Dollar. Die genaue Zahl bleibt umstritten. Die Richtung nicht: Es handelt sich um einen der grossen fiskalischen Lastenblöcke der vergangenen Generation.
Im Jahr 2001 lag die US-Staatsverschuldung bei 53,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Zehn Jahre später waren es 99,7 Prozent. Natürlich lässt sich dieser Sprung nicht dem 11. September allein zuschreiben. Steuersenkungen, die globale Finanzkrise und später die Pandemie trugen ebenfalls das ihre dazu bei. Aber 9/11 war der Moment, in dem höhere Sicherheits- und Militärausgaben politisch und institutionell normal wurden.
…über verlorenen Spielraum…
Heute ist die Ausgangslage nochmals ungemütlicher als damals. 2026 dürfte die US-Schuldenquote auf rund 101 Prozent des Bruttoinlandprodukts anwachsen, das strukturelle Budgetdefizit auf etwa 6,3 Prozent. Ein strukturelles Defizit bedeutet: Selbst, wenn die Konjunktur ordentlich läuft, gibt der Staat deutlich mehr aus, als er einnimmt. Das schränkt die Fähigkeit ein, auf die nächste Krise grosszügig zu reagieren.
2001 verfügten die USA noch über einen Budgetüberschuss und einen Leitzins von 6,5 Prozent. Fiskal- und Geldpolitik hatten Spielraum. Heute ist die Verschuldung höher, die Zinslast spürbarer und die politische Bereitschaft zu Konsolidierung begrenzt. Das ist der eigentliche Unterschied: Nicht jede Krise wird grösser. Aber die Reserve, mit der man ihr begegnet, wird kleiner.
…bis zum billigen Geld und dessen Nebenwirkungen
Zur langen Nachgeschichte der Terroranschläge gehört auch die Geldpolitik. Die US-Notenbank hatte ihren Leitzins wegen des Platzens der Technologieblase bereits vor den Anschlägen von 6,5 auf 3,5 Prozent gesenkt. Nach dem 11. September beschleunigte sie den Kurs: Am ersten Handelstag nach der Börsenschliessung senkte sie den Satz um weitere 50 Basispunkte auf 3 Prozent. Im Juni 2003 lag der Leitzins bei nur noch 1 Prozent – und blieb dort ein Jahr.
Diese Reaktion war in der damaligen Lage nachvollziehbar. Eine Zentralbank soll Panik verhindern, Kreditkanäle offenhalten und einen Einbruch von Investitionen und Konsum bremsen. Die Fed stabilisierte das System. Doch niedrige Zinsen lösen nicht bloss Beruhigung aus; sie verändern Anreize. Wenn Kredite sehr günstig werden, steigen Immobilienpreise leichter, Risiken werden weniger sorgfältig bepreist und Anleger weichen auf renditeträchtigere, aber gefährlichere Anlagen aus.
Immobilien- und Finanzkrise als Folge
Rückblickend kann daher die darauffolgende Immobilienblase in den USA kaum überraschen, auch wenn der tiefe Zins nicht die alleinige Ursache war. Es brauchte auch mangelhafte Kreditstandards, komplexe Verbriefungen, regulatorisches Wegsehen und einen ausgeprägten Glauben an immer steigende Häuserpreise. Aber die lockere Geldpolitik schuf jenes Umfeld, in dem sich diese Fehler besonders folgenschwer ausbreiten konnten. Aus der Krisenreaktion nach 2001 führte kein gerader, aber ein erkennbarer Weg zur Immobilienkrise, von dort zur globalen Finanzkrise von 2008 und schliesslich zu Jahren nahe null liegender Zinsen.
Für Anleger wurde das Jahrzehnt nach 2001 zur ernüchternden Erfahrung. Der S&P 500 erzielte zwischen 2001 und 2011 annualisiert bloss 2,4 Prozent Rendite. Gold hingegen legte um 608 Prozent zu, was einer Jahresrendite von rund 21 Prozent entspricht. Das war nicht nur die Suche nach Spekulationsgewinn. Es war auch ein Misstrauensvotum gegenüber einer Welt aus geopolitischem Risiko, hoher Verschuldung und zunehmend experimenteller Geldpolitik.
Swissair am Boden, Rückversicherer im Gegenwind
Auch für die Schweiz war der 11. September weit mehr als ein fernes amerikanisches Ereignis. Am deutlichsten zeigte sich dies beim Zusammenbruch der Swissair. Die einstige «Flying Bank» war durch ihre missglückte Hunter-Strategie bereits geschwächt. Die weltweite Luftfahrtkrise nach den Anschlägen nahm ihr jedoch die letzte Luft. Am 2. Oktober 2001, weniger als drei Wochen nach den Anschlägen, wurde Swissair gegroundet, weil die Finanzierung wegbrach.
Es wäre ebenfalls zu bequem, den Untergang allein den Anschlägen zuzuschreiben. Die strategischen Fehler waren hausgemacht. Aber Krisen entscheiden oft darüber, ob Schwächen reparierbar bleiben oder existenziell werden. Die Swissair war ein besonders sichtbares Schweizer Beispiel dafür. In einer offenen Volkswirtschaft mit globalen Verbindungen trifft ein internationaler Schock selten nur jene Unternehmen, die unmittelbar im Zentrum stehen.
Direkt betroffen war auch die Swiss Re als Schweizer Aushängeschild der Rückversicherungsbranche und bedeutende Trägerin der Schäden aus Luftfahrt-, Sach-, Haftpflicht- und Lebensversicherungen. Der 11. September wurde zum Belastungstest für die gesamte Branche und führte weltweit zu einer grundlegenden Neubewertung des Terrorrisikos. Ausschlüsse in Policen wurden verbreiteter, Prämien stiegen, und staatlich gestützte Terrorversicherungsmechanismen wurden aufgebaut – etwa TRIA in den USA oder Pool Re in Grossbritannien.
Schweizer Franken als sicherer Hafen
Die dritte Schweizer Nachwirkung schliesslich ist weniger spektakulär, aber bis heute relevant: der Franken. In Phasen globaler Angst fliesst Kapital in Schweizer Anlagen. Das stärkt den Franken und bestätigt seinen Status als sicherer Hafen. Die Stabilität des Landes, die solide Staatsfinanzierung, der Leistungsbilanzüberschuss und die hohe Bonität machen diesen Reflex verständlich. Für die Schweizer Exportwirtschaft ist er aber unerquicklich. Ein stärkerer Franken verteuert Ausfuhrgüter und drückt auf die Erträge der betroffenen Unternehmen.
Der sichere Hafen ist deshalb kein Gratisprivileg. Er schützt Vermögen, kann aber die reale Wirtschaft belasten. Schweizer Maschinenbauer, Uhrenhersteller, Pharmaunternehmen oder touristische Betriebe kennen diese Kehrseite. In einer Krise wird der Franken zum Symbol von Stabilität – und zugleich zum zusätzlichen Wettbewerbsnachteil.
Von der realen in die digitale Welt?
Ein Anschlag vom Ausmass des 11. September würde heute ökonomisch anders wirken. Finanzmärkte sind dichter vernetzt, Handelsalgorithmen reagieren in Millisekunden, Zahlungssysteme und Lieferketten hängen an digitalen Infrastrukturen. Die wahrscheinlichere moderne Entsprechung wäre daher nicht zwingend ein Angriff auf ein Gebäude, sondern ein koordinierter Cyberangriff auf Banken, Zahlungsverkehr, Energieversorgung oder Telekommunikation.
Das macht die Lage nicht zwangsläufig dramatischer, aber systemischer. Wenn das Vertrauen in eine Bank durch einen Cybervorfall erschüttert wird, können Einlagen heute rasch digital abfliessen – ein «Cyber Run» statt einer Schlange vor der Filiale. Wenn wichtige Zahlungssysteme ausfallen, trifft dies nicht nur Finanzhäuser, sondern Löhne, Lieferanten, Detailhandel und den Aussenhandel. Der Internationale Währungsfonds verweist bei solchen Vorfällen auf drei zentrale Übertragungskanäle: Vertrauensverlust, Störungen kritischer Zahlungsinfrastruktur und die Ansteckung über gemeinsame IT-Dienstleister.
Für die Schweiz ist das besonders relevant. Zürich und Genf sind bedeutende Finanz- und Handelsplätze, Versicherer und Rückversicherer tragen globale Risiken, und die Exportwirtschaft ist auf offene Märkte und funktionierende Logistik angewiesen. Ein globaler digitaler Schock würde daher gleich mehrere Kanäle gleichzeitig treffen: Finanzstabilität, Frankenaufwertung, Versicherungsleistungen und Auslandnachfrage.
Wie hoch ist die Widerstandsfähigkeit?
Unser Land steht dabei fiskalisch deutlich robuster da als die meisten anderen Staaten. Mit einer Staatsverschuldung von rund 37 Prozent des Bruttoinlandprodukts und einem in der Regel ausgeglichenen Budget verfügt die Schweiz über ein echtes Polster, nicht nur ein statistisches. Doch auch das grösste Polster ersetzt keine Widerstandsfähigkeit. Es verhindert nicht, dass eine globale Rezession Exporte belastet oder dass ein abrupter Frankenanstieg die Geldpolitik unter Druck setzt – unabhängig davon, ob der Auslöser in der realen oder in der digitalen Welt liegt.
25 Jahre nach dem 11. September 2001 hat sich damit die latente Sorge vor einem nächsten grossen Anschlag vom physischen in den virtuellen Raum ausgeweitet und beschränkt sich nicht mehr auf ein allenfalls mulmiges Gefühl vor dem Fliegen. Dort, am eingangs erwähnten Security-Check wirkt die neue Weltordnung mittlerweile schon fast banal: ein Tablett, ein Laptop, ein Blick auf die Uhr. Aber hinter diesem kleinen Ritual steht ein Vierteljahrhundert ökonomischer Anpassung – mehr Vorsorge, mehr Kontrolle, mehr Staatsausgaben, mehr Unsicherheit, mehr Schulden – und weniger Spielraum für einen nächsten Schock.
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