Markteinschätzung

Stresstest für das Modell Schweiz

Der Konflikt im Nahen Osten dominiert die Schlagzeilen. Was dabei zuweilen untergeht: Die Nebenwirkungen treffen auch Länder, die geografisch und politisch weit weg sind, wie etwa die Schweiz. Und dies trotz Top-Rating sowie der Rolle als sicherer Hafen und Stabilitätsweltmeister. Folglich können auch Schweizer Unternehmen die Hände nicht in den Schoss legen.

Santosh Brivio
Publiziert
Lesedauer: 4 Minuten

Beginnen wir mit der guten Nachricht: In so ziemlich jeder aktuellen Risikoanalyse schneidet die Schweiz hervorragend ab. Politische Stabilität, verlässliche Institutionen, solide Staatsfinanzen, tiefes Ausfallrisiko – unser Land bietet genau das, was Investoren in unruhigen Zeiten suchen.

Der Nahost-Konflikt verstärkt diese Tendenz. Wenn Energiepreise schwanken, Frachtrouten unsicher werden und die geopolitische Temperatur steigt, fliesst Kapital in «sichere Häfen». Für die Schweiz heisst das: anhaltend hohe Nachfrage nach Franken, Schweizer Anleihen, Schweizer Anlagen. Stabilität wird in einem solchen Umfeld zur eigenen Anlageklasse – mit entsprechender Prämie.

Stabilität mit eingebauter Nebenwirkung

Diese Stabilitätsprämie ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Was für den Finanzplatz und den Staatshaushalt attraktiv ist – tiefe Refinanzierungskosten, hoher Vertrauensbonus –, übersetzt sich für die Realwirtschaft in eine altbekannte Hassliebe: den starken Franken.

Auch die gegenwärtigen Kriegshandlungen in Nahost wirken hier wie ein Verstärker. Jeder neue Eskalationsschritt, jede Störung von Energie- und Transportwegen erhöht tendenziell den Drang in sichere Währungen. Der Franken wertet sich auf oder bleibt zumindest stark, während viele unserer Exportkunden in Ländern sitzen, die gleichzeitig mit höherer Inflation, höherer Unsicherheit und steigenden Risikoprämien kämpfen. Etwas salopp formuliert: Wir sind zwar der sichere Hafen – aber unsere Kundschaft steht am unsicheren Ufer.

Wenn der Kunde wackelt

Interessant – oder eher brisant? – wird es dort, wo sich die Stabilität der Schweiz mit der Instabilität der Absatzmärkte trifft. Der Nahost-Konflikt ist nicht nur ein regionales Thema, sondern beeinflusst die Energiepreise und damit die Kostenbasis energieintensiver Branchen weltweit. Gleichzeitig wirkt er sich aber auch auf die Transportkosten und -wege aus. Man denke an die Umfahrung des Roten Meers, an höhere Versicherungsprämien oder an längere Lieferzeiten. Und schliesslich werfen die Kriegshandlungen auch einen Schatten auf die Risikowahrnehmung und Investitionsbereitschaft in ohnehin angespannten Regionen.

Für Schweizer Exporteure bedeutet das: Sie fakturieren aus einem Land mit dem Top-Image «AAA» in Märkte, deren Risiko-Profil sich verschlechtert. Die Folge ist eine klassische Kaskade: schwächere Investitionsneigung, verschobene Projekte, anspruchsvollere Zahlungsbedingungen – und irgendwann eine höhere Ausfallwahrscheinlichkeit. Das trifft besonders jene, die Investitionsgüter liefern oder auf langfristige Projekte setzen.

Premium-Standort, Premium-Preis – und Premium-Druck

Die Schweiz ist strukturell ein Hochpreisstandort. In normalen Zeiten verkauft sie dieses Handicap elegant als Premium-Paket: hohe Qualität, Zuverlässigkeit, Innovation. In einem Umfeld, in dem Kundenmärkte gleichzeitig mit geopolitischen Unsicherheiten, Energiepreisrisiken und schärferen Finanzierungsbedingungen kämpfen, wird dieses Modell aber immer anspruchsvoller.

Der starke Franken macht Schweizer Produkte im Ausland nicht nur objektiv teurer, er wird in den Kalkulationen der Gegenseite zunehmend zur Hürde. Wenn Abnehmer im Nahen Osten oder in Südeuropa heute Projekte prüfen, kämpfen sie nicht nur mit Öl- und Gaspreisrisiken, sondern auch mit Finanzierungskosten. Wenn dann in der Zeile «Lieferant Schweiz» noch ein Aufschlag steht, der nicht nur durch Qualität erklärt werden kann, muss der Premium-Standort in Krisenzeiten deutlich noch mehr «Premium» liefern.

Doch für ein solches Plus wird die Luft zunehmend dünner. Zum einen steht «Swissness» seit jeher für hohe, wenn nicht sogar höchste Qualität. Mehr geht irgendwann schlicht nicht mehr. Hinzu kommt, dass insbesondere die Konkurrenz aus China in den letzten Jahren in qualitativer Hinsicht enorme Fortschritte gemacht hat und daher der Premium-Abstand spürbar geschwunden ist. Insofern zeigt der Nahost-Konflikt für exportorientierte Unternehmen einmal mehr die Wichtigkeit der in unterschiedlichen Massen bereits eingesetzten Prioritätenverschiebung.

Mehr als nur Schlagworte: Diversifikation, Risiko, Wertschöpfungskette

So gilt es, als Unternehmen weiterhin ein starkes Augenmerk auf eine ausreichende Marktdiversifikation zu behalten. Denn wer (zu) stark auf einzelne Regionen setzt, spürt geopolitische Schocks direkter. Die klassische Empfehlung «mehr Märkte, weniger Klumpen» kann in geopolitisch unsicheren Zeiten schnell zur eigentlichen Überlebensfrage werden.

Weiter ist das Risikomanagement zu stärken bzw. zu etablieren. Zahlungsziele, Versicherungen, Sicherungsgeschäfte oder Vertragsausgestaltungen mögen zwar nicht unbedingt die prickelndste Seite des Unternehmertums sein, rücken aber in einer fragmentierten und von Spannungen geprägten Welt zunehmend ins Zentrum. 

Und nicht zuletzt sind die Kosten- und Wertschöpfungsstrukturen kritisch zu überprüfen. Bei unsicherer werdenden Transportwegen und volatileren Energiepreise gewinnt der altmodische Begriff «Robustheit» wieder an Bedeutung: Wo wird was produziert? Mit welchen Zulieferern? Und wie schnell können wir umschalten?

Keine Wohlfühlveranstaltung, sondern harter Standortwettbewerb

Politisch lässt sich Stabilität gerne als statische Eigenschaft verkaufen. In Wirklichkeit ist sie ein ständig zu pflegendes Kapital. Gerade der Nahost-Konflikt zeigt das sehr deutlich: Ein neutrales, verlässliches, gut regiertes Land zu sein, bildet schon mal eine gute Voraussetzung. Sie reicht jedoch nicht, wenn Energieversorgung, Handelswege und internationale Regeln ins Rutschen geraten.

Insofern ist nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Politik gefordert und in der Pflicht. Denn Energiepolitik, Infrastruktur, Bildung und Innovationsfähigkeit werden zu knallharten Standortfragen und sind keinesfalls Wohlfühlthemen. Gleichzeitig sind Handelsbeziehungen und verlässliche Rahmenbedingungen für Unternehmen als Hauptinstrumente zu verstehen, um Stabilität in Wettbewerbsfähigkeit zu übersetzen – gerade dann, wenn andere Regionen von Konflikten durchgeschüttelt werden.

Der sichere Hafen und die raue See

Die Schweiz bleibt vorerst ein sicherer Hafen. Die Gefahr liegt weniger darin, dass wir diesen Status kurzfristig verlieren, sondern darin, dass wir ihn überschätzen. Denn letzten Endes verdienen Schweizer Unternehmen ihr Geld nicht einzig mit der Stabilität der Eidgenossenschaft, sondern mit Kunden, deren Realität von Konflikten, Energiepreisen und politischer Unsicherheit geprägt ist. Der Krieg in Nahost ist dafür nur das aktuell sichtbarste Beispiel.

Die gute Nachricht: Die Schweiz hat die institutionellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen, diese Rolle des stabilen Ankers zu spielen. Die weniger bequeme: Ein Anker, der sich nur über seine eigene Stabilität definiert und nicht über die Festigkeit der Kette – also der globalen Verflechtungen – ist am Ende nur ein schweres Stück Metall.

(Foto: Keystone / Gaetan Bally)

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