Markteinschätzung

Don’t worry, be Swiss?

Der heute veröffentlichte Weltglücksbericht ist für uns Anlass, mal wieder eine Portion Optimismus zuzulassen. Wir wenden kurz den Blick ab von Krieg, Teuerung, Verschuldung oder Wachstumssorgen und schauen, was eigentlich ganz ordentlich läuft. Gerade in der Schweiz ist das einiges.

Santosh Brivio
Publiziert
Lesedauer: 4 Minuten

Der neue «World Happiness Report» ist da. Das gilt es gerade im gegenwärtigen Umfeld zu würdigen. Denn in einer Welt, in der die Schlagzeilen von Kriegen, geopolitischen Spannungen und Inflationsängsten dominiert werden, wirkt der Weltglücksbericht fast wie ein Anachronismus. Doch gerade deshalb lohnt ein genauer Blick: Die Schweiz hat im Bericht 2026 ein kleines Comeback hingelegt und ist wieder in die Top Ten der glücklichsten Länder aufgerückt. Inmitten globaler Turbulenzen ist das eine stille, aber bemerkenswerte Erfolgsmeldung.

Nicht nur eine Momentaufnahme

Die Glücksforschung misst keine flüchtige Laune, sondern die durchschnittliche Lebenszufriedenheit der Bevölkerung. Grundlage sind Befragungen, in denen Menschen ihr Leben auf einer Skala von 0 bis 10 bewerten, ergänzt um harte Daten zu Einkommen, Gesundheit, sozialer Unterstützung und Vertrauen. Der Bericht ist damit so etwas wie eine erweiterte volkswirtschaftliche Gesamtrechnung: Nicht nur, wie viel produziert wird, sondern wie gut sich die Menschen in diesem System fühlen.

Die Schweiz hatte in den letzten Jahren leise Ränge eingebüsst, 2024 lag sie nur noch im unteren Bereich der Top 15. 2026 nun die Gegenbewegung: zurück in die Top Ten. Wir sind nicht das glücklichste Land der Welt, aber wir spielen weiterhin in der Champions League – und das in einem Feld, in dem die Abstände zwischen den Ländern kleiner werden. Das Niveau ist hoch, die Konkurrenz dichter, aber die Schweiz bleibt vorne mit dabei.

Stabilität, Vertrauen und Zurückhaltung

Was steht hinter dieser Platzierung? Aus ökonomischer Sicht zeigt sich das bekannte helvetische «Robustheitsmodell»: eine breit diversifizierte Wirtschaft, sehr hohe Wertschöpfung pro Kopf, tiefe Arbeitslosigkeit, solide öffentliche Finanzen und eine stabile Währung. Dazu kommt ein Sozialstaat, der im internationalen Vergleich eher schlank ist, aber zielgerichtet wirkt. Diese Mischung wirkt wie ein Stossdämpfer gegen externe Schocks – von der Finanzkrise über die Pandemie bis zu heutigen geopolitischen Verwerfungen.

Daneben spielen Faktoren eine Rolle, die in klassischen Konjunkturmodellen kaum vorkommen, im Weltglücksbericht aber zentral sind: hohe Lebenserwartung, vergleichsweise geringe Kriminalität, ein ausgeprägtes Sicherheitsgefühl im Alltag und – besonders wichtig – ein hohes Vertrauen in Institutionen und direkte Demokratie. Wer mit einiger Zuversicht erwarten kann, dass Abstimmungen akzeptiert, Regeln durchgesetzt und Kompromisse gefunden werden, lebt entspannter. Dieses «gefühlte Bruttoinlandprodukt» taucht in keiner Quartalsstatistik auf, prägt aber die Lebenszufriedenheit stark.

Resilienz in turbulenten Zeiten

Natürlich ist der Weltglücksbericht kein unantastbares Evangelium. Schweizer Glücksforscher haben wiederholt kritisiert, dass bestimmte Dimensionen über- oder untergewichtet werden und die Schweiz tendenziell etwas schlechter abschneide, als es andere Studien nahelegen. Aber selbst mit methodischer Skepsis bleibt ein klarer Befund: Über viele Jahre hält sich die Schweiz konstant im oberen Bereich nahezu aller Glücks- und Lebensqualitätsrankings. Die Schwankungen sind klein, das Niveau hoch – eigentlich ein selten angenehmes «Luxusproblem».

Spannend scheint, diese Einordnung mit dem aktuellen Umbruch in der Weltordnung zu verbinden, wie er schon mehrmals in Beiträgen an dieser Stelle thematisiert wurde. Wir begreifen die Gegenwart als eine Phase tiefgreifender Umwälzungen: geopolitische Blockbildung, demografischer Wandel, technologische Disruption. In diesem Umfeld erscheint die Schweiz tatsächlich als Insel der Stabilität – nicht frei von Herausforderungen, aber mit bemerkenswerter Resilienz. Genau das spiegelt auch der aktuelle Weltglücksbericht: In einer nervöser werdenden Welt bleibt die Schweiz in der oberen Liga der Zufriedenheit, unaufgeregt, aber konstant.

Investitionen in das Glück?

Für die Wirtschaftspolitik lässt sich daraus eine einfache, aber zentrale Lehre ziehen: Stabilität ist kein Zufall. Sie entsteht aus robusten Institutionen, berechenbaren Rahmenbedingungen, hoher Bildungsqualität, Innovationskraft und einer politischen Kultur, die Kompromisse belohnt statt Polarisierung. Man könnte sagen: Die Schweiz investiert seit Jahrzehnten in die Produktionsfaktoren des Glücks – Humankapital, Vertrauen, Rechtsstaatlichkeit und soziale Kohäsion. Wir müssen einfach darauf achten, dass wir diese Investitionstätigkeit nicht vernachlässigen.

Denn gerade in Zeiten multipler Krisen sollten wir diesen Befund nicht als Selbstverständlichkeit abtun. Er ist vielmehr eine Erinnerung daran, dass die Schweiz nicht nur Risiken, sondern auch erhebliche Ressourcen mitbringt. Für Anlegerinnen und Anleger ebenso wie für Unternehmen ist das eine wichtige Perspektive: Hinter den täglichen Marktbewegungen steht ein Standort, der Wohlstand und Wohlbefinden vergleichsweise gut verbindet. Und das ist, ökonomisch betrachtet, eine der wertvollsten «Anlageklassen», die ein Land seinen Bürgerinnen und Bürgern bieten kann.

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