Die KI-Rally im Härtetest
Die Künstliche Intelligenz (KI) hat sich in diesem Jahr als dominierendes Thema an den Börsen etabliert und eine beeindruckende Rally ausgelöst. Wie nachhaltig ist dieser Boom, und welche Risiken könnten die Dynamik bremsen?
Zusammenfassung
– Künstliche Intelligenz als treibende Kraft an den Börsen: Die massive Investitionstätigkeit der Hyperscaler in KI-Infrastruktur hat nicht nur die Halbleiterbranche beflügelt, sondern auch den Bau von Rechenzentren und die Nachfrage nach Energie und Ressourcen angekurbelt. Diese Dynamik hat die Marktbreite erhöht und zahlreiche Branchen positiv beeinflusst.
– Drei zentrale Bedingungen für die Fortsetzung der Rally: Die Börsenentwicklung hängt massgeblich davon ab, ob (1) die Hyperscaler ihre Investitionen trotz steigender Finanzierungskosten aufrechterhalten können, (2) die Investitionen langfristig in steigende Umsätze und Gewinne münden und (3) ein potenzieller Angebotsschock aus China durch günstigere KI-Modelle die Nachfrage nicht untergräbt.
– Risiken für Investoren: Steigende Zinsen, überdimensionierte Kapazitäten oder ein Preisverfall bei KI-Modellen könnten die Rally gefährden.
Das wichtigste Thema an der Börse
Das bislang wichtigste Thema an den Aktienmärkten in diesem Jahr ist die Künstliche Intelligenz (KI), die das Börsengeschehen dominiert und eine starke Performance angetrieben hat. Insbesondere die massiven Investitionen der sogenannten Hyperscaler (Firmen wie Microsoft, Alphabet, Amazon oder Meta, die für die KI-Branche praktisch beliebig skalierbare Rechenzentren-Kapazitäten zur Verfügung stellen) führten zu einem Boom in der Halbleiterbranche, mit verdoppelten Umsätzen und steigenden Chip-Preisen. Diese Entwicklung beschränkte sich jedoch nicht nur auf Technologie: Der Bau von Rechenzentren erhöhte die Nachfrage nach Ressourcen wie Land, Stahl und Energie, was auch Aktien von Versorgern und Infrastrukturunternehmen beflügelte. Gleichzeitig hat die Marktbreite zugenommen, doch die Abhängigkeit von kapitalintensiven Branchen birgt Risiken durch steigende Anleihenrenditen und mögliche Kürzungen der Investitionsbudgets. Die entscheidende Frage bleibt, ob die Hyperscaler ihren Investitionsschub in die KI aufrechterhalten können, da dies die weitere Marktentwicklung massgeblich beeinflussen wird.
Setzt sich die Rally fort?
Die Rally könnte durchaus weitergehen. Allerdings müssen dafür drei zentrale Bedingungen erfüllt bleiben. Diese können unabhängig voneinander bestehen, doch solange alle drei intakt sind, bleibt die Rally auf einem stabilen Fundament. Bricht jedoch eine dieser Säulen weg, könnte es an den Börsen ungemütlich werden.
1. Bedingung: Der Kapitalmarkt spielt mit
Die Rally kann weiterlaufen, solange die Hyperscaler ihre Investitionen fortsetzen können, auch wenn ihr freier Cashflow dafür nicht mehr ausreicht. In diesem Fall greifen sie auf alternative Finanzierungsquellen wie Anleihen oder Aktienemissionen zurück. Solange diese Mittel verfügbar sind, fliesst weiterhin Kapital in Chips und Rechenzentren.
Dieses Szenario ist derzeit sehr wahrscheinlich. Trotz teilweise negativer freier Cashflows verfügen die Hyperscaler über äusserst solide Bilanzen. Sie gehören zu den bestbewerteten Schuldnern weltweit, und ihre Verschuldung liegt deutlich unter dem Durchschnitt vergleichbarer Unternehmen. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach Rechenleistung ungebrochen: Die Hyperscaler könnten noch mehr davon verkaufen, wenn sie über zusätzliche Kapazitäten verfügten. Der Markt ist nach wie vor von einer Angebotsknappheit geprägt.
Die eigentliche Gefahr liegt jedoch in den steigenden Anleiherenditen. Anfang September erreichten die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen den höchsten Stand seit November 2023, angetrieben durch Inflationsängste und steigende Ölpreise. In den USA wird nach der ersten Zinserhöhung vom 16. September über weitere Zinserhöhungen diskutiert. Wir gehen davon aus, dass die Federal Reserve in den nächsten zwölf Monaten die Leitzinsen um 25 Basispunkte anheben könnte. Sollten die langfristigen Zinsen weiter steigen, wird die Finanzierung für Unternehmen teurer. Früher oder später stellt sich dann für jeden Finanzchef die Frage, ob sich weitere Investitionen noch lohnen. Eine Kürzung der Investitionsbudgets der Hyperscaler hätte unmittelbare Auswirkungen auf die Auftragsbücher der Halbleiterbranche und ihrer Zulieferer.
Die Fortsetzung der Rally hängt also massgeblich davon ab, ob die Finanzierungskosten im Rahmen bleiben und die Hyperscaler ihre Investitionspläne aufrechterhalten können. Ein Anstieg der Zinsen könnte diese Dynamik jedoch empfindlich stören.
2. Bedingung: Die Investitionen müssen sich auszahlen
Deses Jahr fliessen rund 700 Milliarden Dollar von den KI-Hyperscalern in den Ausbau der KI-Infrastruktur. Gleichzeitig bewegen sich die Umsätze jener Unternehmen, welche die Rechenzentren-Infrastruktur nutzen und damit KI-Dienste bereitstellen, lediglich im zweistelligen Milliardenbereich. OpenAI beispielsweise meldete für August 2026 eine hochgerechnete Jahresumsatzrate von 40 Milliarden Dollar, während Anthropic sogar noch höhere Werte angibt. Allerdings ist bei diesen Zahlen Vorsicht geboten, da sie von den Unternehmen selbst stammen und nicht auf geprüften Jahresabschlüssen basieren.
Damit die derzeitige Wachstumsdynamik anhält, müssen die Umsätze über Jahre hinweg kontinuierlich steigen und letztlich in höheren Gewinnen münden. Investoren sollten dabei berücksichtigen, dass die in diesem Jahr getätigten Investitionen in Form von Chips über mehrere Jahre abgeschrieben werden. Diese Abschreibungen belasten die ausgewiesenen Gewinne jedes Jahr, unabhängig davon, wie sich das Geschäft entwickelt. Die in diesem Jahr gekauften Chips werden somit auch in den Jahren 2027 und 2028 die Gewinne schmälern.
Das grösste Risiko besteht darin, dass die Nachfrage nach KI-Infrastruktur in Zukunft hinter den aktuellen Erwartungen zurückbleibt, während die Abschreibungen wie geplant anfallen. In einem solchen Szenario würden die Gewinne sinken, ohne dass die getätigten Investitionen rückgängig gemacht werden könnten. Aktienkurse, die auf einem zweistelligen Gewinnwachstum basieren, könnten dadurch ihre Grundlage verlieren.
3. Bedingung: Kein Angebotsschock durch chinesische «Billig-KI»
Die dritte Bedingung ist besonders heikel, da er schwer vorhersehbar ist. Kürzlich stellte der chinesische Anbieter DeepSeek ein Modell vor, das laut dem Analysehaus Artificial Analysis pro Aufgabe je nach gewünschtem Modus zwischen 85 und 98 Prozent günstiger arbeitet als die Modelle von OpenAI, dabei jedoch nahezu gleichwertige Ergebnisse liefert. Das Modell ist open-source, was Unternehmen die Möglichkeit gibt, es herunterzuladen und auf eigener Hardware zu betreiben, ohne laufende Gebühren an einen amerikanischen Anbieter zahlen zu müssen. Es bleibt jedoch unklar, ob jedes Unternehmen tatsächlich das leistungsstärkste verfügbare KI-Modell benötigt oder ob für viele Anwendungen auch einfachere Modelle ausreichen würden.
Sollten Unternehmen zunehmend auf günstigere Alternativen umsteigen, könnten die Hyperscaler unter Druck geraten. Ein Teil der aktuell für hunderte Milliarden Dollar aufgebauten Rechenkapazitäten könnte sich als überdimensioniert erweisen. In einem solchen Szenario wäre eine deutliche Korrektur an den Aktienmärkten wahrscheinlich.
Ein Preisverfall bei KI-Modellen würde jedoch nicht zwangsläufig alle Hyperscaler gleichermassen treffen. Sinkende Preise bedeuten nicht unbedingt eine Schrumpfung des Marktes, sondern könnten ihn sogar erweitern. Anwendungen, die bei den bisherigen Kosten unwirtschaftlich waren, könnten plötzlich rentabel werden. Zudem benötigen auch günstigere Modelle Rechenkapazität, die in der Regel weiterhin bei einem Hyperscaler gemietet wird.
Fazit: Diversifikation wird umso wichtiger
Keine der drei Bedingungen stellt eine konkrete Prognose dar. Alle drei Szenarien sind plausibel, schliessen sich nicht gegenseitig aus, und niemand kann mit Sicherheit sagen, welches Szenario letztendlich eintreten wird. Für Anlegerinnen und Anleger ist es daher entscheidend, diese drei Möglichkeiten im Hinterkopf zu behalten und die aktuellen Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen. Ein Anstieg der Renditen zehnjähriger Staatsanleihen könnte den Investitionsspielraum der Hyperscaler weiter einschränken. Gleichzeitig ist eine Meldung über ein neues Modell aus China kein Grund zur Beunruhigung, solange die Gesamtnachfrage nach KI weiterhin wächst. In diesem Umfeld gewinnt die Diversifikation im Portfolio an Bedeutung – insbesondere durch defensive Anlagen, die vom Investitionsboom weitgehend unberührt bleiben, wie etwa dividendenstarke Titel aus dem Schweizer Aktienindex.
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