Der Kluge reist im Zuge. Oder doch nicht?
Die Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn befindet sich auf Rekordniveau. Das verursacht immensen wirtschaftlichen Schaden. Umso mehr ruhen die Hoffnungen auf den Milliarden aus dem Schuldenpaket.
Ich mache Sie etwas neidisch. Heute ist mein letzter Arbeitstag vor einer längeren Ferienabwesenheit. Was ich unter anderem während meines Urlaubs tun werde: Ich fahre mit dem Velo vom Bodensee nach Hamburg. Donald Trump und seiner unsäglichen Zoll- und Handelspolitik werde ich zwar nicht davonradeln können. Aber vielleicht doch immerhin der Deutschen Bahn. Oder sagen wir es so: Mit dem Fahrrad durch Deutschland zu reisen, erscheint doch um einiges planbarer und verlässlicher, als wenn man hierfür auf die Deutsche Bahn setzen würde.
Verspätungen sind an der Tagesordnung
Dies ist natürlich überspitzt formuliert, entbehrt aber nicht des berühmten Körnchens Wahrheit. Tatsächlich lässt sich sogar fast von einem Korn statt von einem Körnchen sprechen. Denn betrachtet man die Statistiken zum deutschen Bahnverkehr, gleicht die Hoffnung auf eine pünktliche und störungsfreie Ankunft am Ziel – zum Beispiel Hamburg – einer Lotterie. So erreichten im letzten Jahr nur gerade 62 Prozent aller ICE- und IC-Züge ihren Zielort mit maximal 6 Minuten Verspätung. Mehr als jeder dritte Zug war damit unpünktlich. Das ist der höchste Wert seit 21 Jahren.
Das bedeutet nicht nur Ärger für Berufspendler und Freizeitreisende, sondern geht auch für die Deutsche Bahn selbst ordentlich ins Geld. Rund sieben Millionen Fahrgäste reichten 2024 einen Entschädigungsantrag infolge Verspätungen und Zugausfällen ein. Diese Forderungen mündeten in Entschädigungszahlungen in der Höhe von 197 Millionen Euro, was einer Zunahme von knapp 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht: 2023 belief sich das Volumen der gezahlten Entschädigungen noch auf 133 Millionen Euro, und «nur» 5,6 Millionen Bahnreisenden machten eine entsprechende Forderung geltend.
Die Kosten sind enorm. Für die Deutsche Bahn…
Zu diesen Entschädigungszahlungen gesellen sich verpasste Einnahmen. Durch die chronische Unpünktlichkeit (und durch Streiks) entgingen der Deutschen Bahn im vergangenen Jahr an die 700 Millionen Euro an Umsatz aus dem Fernverkehr. Da vermögen rote Zahlen beim Konzernergebnis nicht zu überraschen: Rund 1,8 Milliarden Euro betrug der Verlust 2024. Dies nach einem Minus von 2,7 Milliarden Euro im Vorjahr. Ob diese Verlustminderung als Erfolg gewertet werden kann? Es sind Zweifel angebracht angesichts der Tatsache, dass der Bund rund 1,8 Milliarden Euro für Instandhaltungsmassnahmen in die Bahngesellschaft einschoss.
Das Ärgernis und die finanzielle Einbusse der sozusagen fahrplanmässigen Unpünktlichkeit beschränken sich aber nicht nur auf die Deutsche Bahn und den Staat als Geldgeber. Auch die Volkswirtschaft insgesamt erleidet dadurch einen nicht zu unterschätzenden Schaden. Zwar schweigt sich die Deutsche Bahn über das Total der Verspätungsstunden aus. Doch dass der gesamtwirtschaftliche Produktivitätsverlust in die Milliardenhöhe geht, verdeutlichen bereits ein paar einfache Rechnungen und Annahmen.
…und für die gesamte Volkswirtschaft
So nutzen pro Werktag deutschlandweit etwa 2,5 Millionen Menschen die Bahn zum Pendeln. Das deutsche durchschnittliche Bruttoeinkommen liegt bei 3500 Euro pro Monat, und im Schnitt beträgt die wöchentliche Arbeitszeit 34,4 Stunden. Dies entspricht einen durchschnittlichen Stundenlohn von 24,7 Euro. Nimmt man an, dass von Verspätungen die Hälfte der Tagespendler betroffen ist, so ergibt allein die Annahme von 100 Verspätungsstunden einen volkswirtschaftlichen Schaden von mehr als 3 Milliarden Euro pro Jahr. Bei der Annahme von 1000 Unpünktlichkeitsstunden – was bereits realistischer scheint, da dies pro Werktag «lediglich» einer Verspätung von vier Stunden auf dem ganzen deutschen Bahnnetz entspräche – belastet die Wirtschaft entsprechend mit 30 Milliarden Euro pro Jahr. 40 Verspätungsstunden pro Arbeitstag ergäbe folglich 300 Milliarden Euro. Das entspricht 7 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands.
Wie stark sorgt das Schuldenpaket für Abhilfe?
Angesichts dieser Zahlen ist es nachvollziehbar, dass es ein wichtiger Agendapunkt der deutschen Politik ist, die Bahninfrastruktur schnellstmöglich auszubauen. Auch wenn das ordnungspolitische Herz bluten mag, ist es unter diesem Gesichtspunkt richtig, dass mit dem aufgegleisten Verschuldungspaket (bzw. «Sondervermögen», wenn man denn den schönfärberischen Begriff vorzieht) der deutsche Schienenverkehr auf Vordermann gebracht werden soll. Doch reichen die vorgesehenen Mittel tatsächlich aus, um auch bei der Bahn die oft bemühte Zeitenwende einzuläuten?
Auch hier ist eine gewisse Skepsis angebracht. Bekanntlich beschloss das deutsche Parlament ein Schuldenpaket (oder eben «Sondervermögen») von 500 Milliarden Euro, die in den kommenden 12 Jahren für den Infrastrukturausbau verwendet werden sollen. Davon sind 100 Milliarden für die Bundesländer und die Kommunen reserviert, und nochmals 100 Milliarden fliessen in den Klima- und Transformationsfonds (KTF). Das heisst, auf Bundesebene stehen somit jährlich 25 Milliarden Euro zusätzlich zur Verfügung, die für die Modernisierung und den Ausbau von Strassen, Brücken und eben Schienen ausgegeben werden.
Wie diese 25 Milliarden genau verwendet werden, ist noch ausstehend. Auch wenn davon auszugehen ist, dass dem Schienennetz das grösste Stück vom Kuchen zuteilwird, sind die zusätzlichen Milliarden dennoch in Relation zur bisherigen Infrastrukturausgaben der Deutschen Bahn zu setzen. 2024 beliefen sich diese auf rund 17 Milliarden Euro.
Der Mittelzuwachs durch das Schuldenpaket ist insofern nicht wenig. Allerdings sind auch die Probleme der Deutschen Bahn nicht eben gering. Selbst wenn die 300 Milliarden Euro tatsächlich für die Infrastruktur verwendet werden und nicht Klientelbegehrlichkeiten weichen müssen (nach den Wahlen ist vor den Wahlen, und davon gibt es auf Bundesebene in den nächsten 12 Jahren mindestens deren drei), sollte man auch im besten Fall kein Wunder erwarten. Auf jeden Fall ist in Deutschland noch für längere Zeit mit Verspätungen und Zugausfällen zu rechnen. Das unpünktliche Eintreffen am Zielort wird vorerst nicht der Vergangenheit angehören. Es sei denn, man nimmt das Fahrrad. Beispielsweise nach Hamburg.
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