Zurück in der Welt tiefer Zinsen: Realwerte als Alternative
Weil Obligationen kaum noch Ertrag bringen, setzen Anleger wieder auf Realwerte. Die Risikokontrolle sollte dabei jedoch nicht vernachlässigt werden.
Als die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Juni 2025 den Leitzins auf null senkte, wuchs die Sorge, dass der Schweiz erneut eine Phase negativer Zinsen bevorstehen könnte. Erinnerungen an den Dezember 2014 wurden wach: Damals senkte die SNB den Leitzins erstmals in der Geschichte in den negativen Bereich, um der zunehmenden Deflationsgefahr zu begegnen. Es folgte eine Periode der Negativzinsen, die bis zur Zinswende im Jahr 2022 anhielt.
TINA und die Suche nach Rendite
Spätestens mit dem Absenken des SNB-Leitzinses in den negativen Bereich begann für Schweizer Anleger auch eine Zeit, die geprägt war von tiefen, teils gar negativen Realzinsen. Das heisst, die Rendite von Zinsanlagen nach Abzug der Inflation war nahe oder unter null. Damit begann gleichzeitig die Suche nach Anlagen mit positiver Realrendite. An den Finanzmärkten machte das Akronym TINA die Runde: «There Is No Alternative». Es gibt keine Alternative zu Aktien, weil andere Anlageformen wie Anleihen, Festgeld oder Bargeld aufgrund der negativen Zinsen kaum mehr reale Rendite bieten. Die Schweiz befand sich im sogenannten Anlagenotstand.
Und tatsächlich, während eine Anlage in Schweizer Obligationen in der Periode von 2015 bis 2021 eine durchschnittliche jährliche Rendite nach Abzug der Inflation von rund 0,7 Prozent bot, rentierten Schweizer Aktien real mit knapp 10 Prozent pro Jahr.
Mit entsprechenden Implikationen für den Vermögensaufbau: Wer Anfang 2015 100’000 Franken in Schweizer Aktien investierte, hatte daraus bis Ende 2021 inflationsbereinigt rund 184’000 Franken gemacht. Bei einer Investition in Schweizer Obligationen waren es nur knapp 105’000 Franken. Das Beispiel zeigt: In Zeiten sehr tiefer oder gar negativer Realzinsen ist es mit Blick auf den langfristigen Vermögensaufbau äusserst sinnvoll, auf Aktien statt Obligationen oder Cash zu setzen. Seit Juni 2025 nun müssen sich Schweizer Anleger erneut mit dem Gedanken an ein Tiefzinsumfeld anfreunden. Die Suche nach realer Rendite geht damit in die zweite Runde. Der Anlagenotstand ist zurück.
Realwerte bieten positive Realrenditen
Bedeutet das nun, dass Schweizer Anleger wieder vermehrt auf Aktien setzen sollten? Ja – aber nicht nur. Spätestens hier gilt es, die Diskussion von Aktien und Obligationen auf Realwerte und Nominalwerte auszuweiten. Was ist darunter zu verstehen?
- Zu den Nominalwerten gehören Anlagen, die eine Forderung über einen fixen nominalen Betrag darstellen. Das sind beispielsweise Obligationen, deren Rückzahlung zu einem bestimmten Nominalbetrag erfolgt und deren Zinszahlungen sich auf diesen Betrag beziehen. Ein anderes Beispiel für einen Nominalwert ist Bargeld. Zentral ist dabei, dass Nominalwertanlagen keinen Inflationsausgleich geniessen. Wenn also die Inflation über die Laufzeit der Anlage höher ist als die nominale Verzinsung, ergibt sich eine negative Realverzinsung und damit ein Vermögensverlust.
- Realwerte berücksichtigen dagegen die Veränderung der Kaufkraft durch die Teuerung und spiegeln damit gewissermassen den tatsächlichen materiellen Wert wider. Als klassische Realwerte gelten alle Sachwerte wie beispielsweise Immobilien, Edelmetalle, Sammlerstücke wie Kunst, Oldtimer usw. – und auch Aktien. Bei all diesen Anlageklassen dürfen Anleger längerfristig einen Ausgleich der Inflation – und damit eine positive Realrendite – erwarten. Aktien nehmen dabei eine Sonderstellung ein. Sie sind keine Sachanlagen im eigentlichen Sinn, aber sie repräsentieren einen Anspruch am Gewinn eines Unternehmens. Unternehmen können auch in inflationären Zeiten ihre Gewinne steigern, weil sie in der Lage sind, die Preise ihrer Produkte und Dienstleistungen entsprechend zu erhöhen und so auf steigende Inputkosten zu reagieren. Damit bieten auch sie bis zu einem gewissen Grad einen inhärenten Inflationsausgleich, der Nominalwerten fehlt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Anlegerinnen und Anleger immer dann gut beraten sind, auf Realwerte statt Nominalwerte zu setzen, wenn die Zinsen nach Abzug der Inflation tief oder gar negativ sind, andernfalls riskieren sie längerfristig einen Vermögensverlust.
Risiken im Griff haben
Da Nominalwerte tendenziell weniger risikobehaftet sind als Realwerte, wirkt sich der vermehrte Einsatz von Realwerten als Ersatz für Obligationen zwar positiv auf die reale Portfoliorendite aus, geht aber oft auch mit einem Anstieg des Portfoliorisikos einher. Das kann insbesondere für Anleger mit einer geringen Risikotoleranz problematisch sein.
Umso wichtiger ist in Zeiten des Anlagenotstands deshalb die Risikokontrolle. Diese beinhaltet zuallererst immer, das Vermögen so breit wie möglich zu diversifizieren. Wer vermehrt auf Realwerte setzt, sollte sich dabei nicht nur auf Aktien beschränken, sondern auch Immobilienanlagen, Edelmetalle und andere Realwerte in sein Portfolio aufnehmen. Viele dieser Anlagen korrelieren nur schwach mit der Aktienmarktentwicklung und tragen so – ähnlich wie Obligationen – zur Senkung des Portfoliorisikos bei. Zudem empfiehlt es sich, mit steigendem Aktienanteil auch die Anlagedauer zu erhöhen und trotz tiefer Renditen nicht gänzlich auf Obligationen zu verzichten.
Insbesondere Schweizer Immobilienanlagen haben sich in Zeiten des Anlagenotstands bewährt. Sie profitieren vom tiefen Zinsniveau und verfügen im Umfeld des anhaltenden Nachfrageüberhangs und begrenzter Bautätigkeit nach wie vor über ein attraktives Risiko-Rendite-Profil. Daneben gehört eine Prise Gold heute in jedes Depot – nicht nur aufgrund der angesprochenen Vorteile als klassischer Realwert, sondern auch als Absicherung vor dem Hintergrund der hohen geopolitischen Risiken.
Sogar über Kunst und Wein sprechen
Wer hingegen in Sachwerte wie Kunst, Oldtimer, Schmuck oder Wein investieren möchte, sollte sich vorgängig genau über die Eigenheiten und Risiken der jeweiligen Anlageprodukte informieren. Das gilt sowohl für eine physische Direktanlage wie auch für eine Investition über spezialisierte Investmentvehikel. Solche sind heute auch in der Schweiz erhältlich, ein Investment ist aber vielfach mit speziellen Bedingungen bezüglich Haltedauer oder Mindestanlage verbunden.
Im Gegensatz zur Schweiz sind in der Eurozone und den USA die Realzinsen nach wie vor positiv. Entsprechend besteht auch kein Anlagenotstand. Das könnte sich angesichts der massiven Schuldenberge allerdings ändern. An den Finanzmärkten wird vermehrt das Risiko einer Phase finanzieller Repression mit dem Ziel des realen Schuldenabbaus diskutiert. Dabei halten Regierungen die Nominalzinsen künstlich tief, was oft zu längeren Phasen erhöhter Inflation – und entsprechend negativen Realzinsen – führt. So lassen sich die Schulden quasi «weginflationieren», nicht zuletzt auf Kosten der Sparer und Obligationäre, deren Vermögen genauso «weginflationiert» wird. Es ist also vorstellbar, dass sich auch internationale Anleger in Zukunft vermehrt auf die Suche nach positiver Realrendite machen werden – dabei werden sie an Realwerten nicht vorbeikommen.
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