Nachhaltigkeit

Neues Denken, neues Wirtschaften: Die Kraft der Kreislaufwirtschaft

Die Kreislaufwirtschaft ist ein zentraler Baustein für eine nachhaltigere Zukunft. Sie geht über reines Recycling hinaus, da sie die Gestaltung, Nutzung und Wiederverwertung von Produkten grundlegend verändert. Dadurch entstehen neue Möglichkeiten sowohl für Unternehmen als auch für Investorinnen und Investoren.

Benjamin Gränicher
Publiziert
Lesedauer: 5 Minuten

Die lineare Wirtschaft stösst an ihre Grenzen: Ressourcen werden abgebaut, verarbeitet, genutzt und entsorgt. Die Folgen sind sichtbar: wachsende Abfallberge, steigende Kosten und zunehmende Abhängigkeit von knappen Rohstoffen. Genau hier setzt die Kreislaufwirtschaft an. Sie hat zum Ziel, Materialien länger im Umlauf zu halten, Abfälle zu vermeiden und Systeme so zu gestalten, dass Umwelt und Gesellschaft profitieren. Für Investorinnen und Investoren eröffnet sich damit ein zukunftsorientiertes Feld, das nicht nur ökologische Relevanz besitzt, sondern auch erhebliche Innovations- und Wachstumspotenziale bietet.

Das Einbahnstrassen-Prinzip: Warum das lineare Modell an Grenzen stösst

Das lineare Wirtschaftsmodell – Take, Make, Waste – zeigt zunehmend seine ökologischen Schwächen. Rohstoffe werden abgebaut, verarbeitet, konsumiert und am Ende entsorgt. Dieses Modell verursacht nachweislich Umweltschäden: Es führt zu Ressourcenerschöpfung, Umweltverschmutzung, Biodiversitätsverlusten und hohen Emissionen. Langfristig birgt dieses Modell negative Auswirkungen auf natürliche Systeme und führt zur Beschleunigung von Klimaveränderungen sowie zum Rückgang der Artenvielfalt. Ein Blick auf die Daten zeigt: Die Ressourcengewinnung wurde seit 1970 mehr als verdreifacht, und Prognosen deuten darauf hin, dass sie bis 2050 nochmals um 70 Prozent steigen könnte, wenn kein Systemwechsel erfolgt. Ebenfalls in Bezug auf Abfall verweisen aktuelle Daten auf eine starke Umweltbelastung: Schätzungen zufolge gehen in den USA etwa 50 Prozent der Nahrungsmittelproduktion verloren, während rund 90 Prozent des Kunststoffabfalls entweder auf Deponien landen oder verbrannt werden. Diese Zahlen machen deutlich, dass viele Materialien oft nur einmal verwendet und anschliessend entsorgt werden.

Das lineare Wirtschaftsmodell belastet auch in Europa die Umwelt zunehmend. Im Durchschnitt verbraucht jede Person rund 14 Tonnen Material pro Jahr und erzeugt dabei etwa 5 Tonnen Abfall, deutlich mehr, als nachhaltig wäre. Die Schweiz gilt zwar als Vorreiterin im Umweltschutz - ihr Strommix ist weitgehend dekarbonisiert, und sie gehört weltweit zu den Spitzenreitern im Recycling - dennoch übersteigt der Konsum das planetare Limit. Mit einer konsequenten Kreislaufwirtschaft liesse sich der Materialverbrauch um rund 33 Prozent und die Emissionen um 43 Prozent senken.

Mehr als Recycling: Wie Kreislaufwirtschaft Ressourcen im Umlauf hält

Die Risiken der linearen Wirtschaft sind deutlich. Die Kreislaufwirtschaft will genau das ändern. Sie bricht mit der Vorstellung des Wegwerfens und versteht Produkte als Teil eines geschlossenen Systems. Das Ziel besteht darin, Materialien so lange wie möglich im Kreislauf zu halten. Am Ende ihres Lebenszyklus sollen Wertstoffe nicht verloren gehen, sondern gezielt zurückgeführt und für die Herstellung neuer Produkte genutzt werden. So entsteht ein Ansatz, der Ressourcen schont, Abfälle vermeidet und die Umweltbelastung spürbar reduziert. Gleichzeitig werden neue Innovationsräume für Wirtschaft und Gesellschaft eröffnet. Recycling bleibt dabei ein wesentlicher Baustein, doch entscheidend ist das Umdenken im gesamten Materiallebenszyklus.

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigen drei Prinzipien der Kreislaufwirtschaft. Keines der Unternehmen hat bisher einen vollständig geschlossenes Materialkreislaufsystem für alle seine Produkte, aber die folgenden Beispiele zeigen deutliche Fortschritte:

  • Langlebiges Design und Reparierbarkeit:
    Patagonia gestaltet seine Produkte so, dass sie viele Jahre halten. Über das firmeneigene Reparaturprogramm werden Kleidungsstücke repariert, statt dass sie ersetzt werden müssen. Somit setzt Patagonia mit seinem Reparaturprogramm ein starkes Zeichen gegen die Wegwerfmentalität. Kundinnen und Kunden können beschädigte Kleidung einschicken oder in den Filialen reparieren lassen – vom Reissverschluss bis zur Daunenjacke. Dadurch bleibt die Lebensdauer der Produkte erhalten, und Ressourcen, die für Neuproduktion nötig wären, werden eingespart. Das Ziel: weniger Konsum, mehr Wertschätzung.
  • Wiederverwendung und Aufbereitung:
    Der Schweizer Sportschuhhersteller On hat mit seinem Mietmodell «Cyclon» ein Beispiel geschaffen, wie Produktdesign und Recycling zusammenwirken können. On hat mit dem Mietmodell ein innovatives Kreislaufsystem gestaltet, in dem Kundinnen und Kunden die Möglichkeit haben, ihre Laufschuhe zu abonnieren und sie nach Gebrauch zurückzugeben. Das Material wird recycelt und fliesst in neue Produkte ein. Das Resultat: ein geschlossenes System ohne Abfall, mit vollem Materialkreislauf.
  • Rückführung und Verwertung am Lebensende:
    Das Projekt Tennisball Recycling Schweiz zeigt, wie selbst komplexe Produkte in den Kreislauf zurückgeführt werden können. Bisher galten Tennisbälle als Einwegprodukte, denn ihr Mix aus Kautschuk, Nylon und Baumwolle ist fest verklebt und liess sich herkömmlich nicht oder nur sehr schwer recyceln. Mit neuen Verfahren und einem einfachen Rücknahmesystem gelingt es nun, die Materialien fachgerecht zu trennen und als neue Rohstoffe wiederzuverwenden. So entsteht aus einem Wegwerfartikel ein wertvoller Kreislauf.

Diese Beispiele zeigen, dass Kreislaufwirtschaft kein theoretisches Konzept ist, sondern bereits heute gelebt wird. Schritt für Schritt entsteht so eine Wirtschaft, in der Materialien achtsam behandelt, Abfälle minimiert und Umweltbelastungen messbar reduziert werden.

Wachstumspotenzial jenseits des Linearen

Die Kreislaufwirtschaft ist weit mehr als ein Umweltthema, sie eröffnet ökonomische Chancen. Studien zeigen, dass in Europa durch zirkuläre Modelle bis 2030 bis zu 1,8 Billionen Euro Netto-Wertschöpfung freigesetzt werden könnten. Im Bausektor allein liesse sich durch geschlossene Materialkreisläufe jährlich ein zusätzliches Umsatzpotenzial von 575 Milliarden Euro heben. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt unter anderem das Schweizer Unternehmen Eberhard, das mit seinem Konzept des Urban Mining Baumaterialien systematisch wieder in den Kreislauf zurückführt. Statt alte Gebäude einfach abzureissen, werden die Materialien sortenrein getrennt, aufbereitet und als hochwertige Sekundärrohstoffe für neue Bauprojekte genutzt. So entstehen Baustoffe aus Baustoffen und somit ein Kreislauf, der Ressourcen schont, Abfall reduziert und wirtschaftlich attraktiv ist.

Dass Kreislaufwirtschaft und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand gehen können, zeigen zahlreiche Unternehmensanalysen. Zirkuläre Angebote können im Durchschnitt 15 bis 20 Prozent mehr Umsatzwachstum und 10 bis 15 Prozent Einsparungen bei Materialkosten erzielen, und das je nach Tätigkeitsbereich bei Margen, die mit klassischen linearen Modellen vergleichbar sind. Gleichzeitig können die Risiken entlang der Lieferketten gesenkt werden, da Unternehmen weniger abhängig von schwankenden Rohstoffpreisen und regulatorischen Veränderungen sind.

Warum Kreislaufwirtschaft für Investorinnen und Investoren beachtenswert ist

Die Kreislaufwirtschaft gewinnt nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich immer stärker an Bedeutung. Ein Grund dafür sind unter anderem neue politische Leitplanken: Die EU-Verpackungsverordnung schreibt künftig vor, Verpackungen ressourcenschonender zu gestalten und zu reduzieren, besser wiederverwertbar zu machen und mehr zu recyceln. Auch die Schweiz stärkt mit der neuen Verpackungsverordnung die erweiterte Produzentenverantwortung, was einen klaren Schritt hin zu geschlossenen Materialkreisläufen darstellt.

Diese Entwicklungen schaffen verlässliche Rahmenbedingungen, und sie geben Unternehmen Anreize, in innovative Produkte und Prozesse zu investieren. Davon profitiert ein Markt, der sich zwar noch in den Kinderschuhen befindet, aber dynamisches Wachstum aufweist. Zwischen 2018 und 2023 flossen weltweit Investitionen von rund 164 Milliarden Dollar in zirkuläre Geschäftsmodelle. Zwischen 2021 und 2023 lag das Investitionsvolumen um 87 Prozent höher im Vergleich zu den Jahren 2018-2020. Ein bedeutender Teil dieser Mittel wird weiterhin in etablierte Bereiche wie Recyclinganlagen investiert. Innovative und transformative Ansätze, wie zirkuläres Produktdesign oder Sharing-Modelle, befinden sich hingegen vielerorts noch in der Entwicklungsphase und benötigen Zeit, um Skaleneffekte zu erreichen.

Die langfristige Perspektive für Unternehmen ist vielversprechend: Der globale Markt für Kreislaufwirtschaft erreichte 2023 ein Volumen von über 550 Milliarden Dollar. Schätzungen gehen von einem jährlichen Wachstum von rund 13 Prozent jährlich aus. Dass dieses Feld für Investorinnen und Investoren attraktiv ist, zeigt das Beispiel von Renewi, das Teil des Portfolios des Vermögensverwaltungsmandats «Inspire» der Migros Bank war. Das Unternehmen zählt zu den führenden Anbietern im Bereich Abfall- und Ressourcenmanagement und hat sich auf die Rückführung von Wertstoffen in geschlossenen Kreisläufen spezialisiert. Renewi erhielt im November 2024 ein Übernahmeangebot von einem Konsortium von institutionellen Investorinnen und Investoren, das sich auf nachhaltige Anlagen im Infrastrukturbereich fokussiert. Die Übernahme erfolgte im Mai 2025 mit einem Aufpreis von 57 Prozent gegenüber dem Börsenkurs vom Novermber 2024. Diese Entwicklung verdeutlicht, wie hoch der Markt das Potenzial spezialisierter Kreislaufunternehmen einschätzt. Gerade schnell wachsende, fokussierte Anbieter mit klarer Nachhaltigkeitsstrategie gelten als besonders attraktive Übernahmekandidaten. Für Anlegerinnen und Anleger zeigt sich damit: Wer früh in innovative Geschäftsmodelle investiert, kann nicht nur einen Beitrag zu mehr Ressourceneffizienz leisten, sondern auch an der wachsenden Dynamik dieses Zukunftsmarkts teilhaben.

Blick in die Zukunft

Die Kreislaufwirtschaft entwickelt sich zu einem immer wichtigeren Bestandteil unseres Wirtschaftssystems. Steigende Rohstoffpreise, neue regulatorische Vorgaben und ein wachsendes Bewusstsein für Klima- und Ressourcenschutz beschleunigen den Wandel. Immer mehr Unternehmen zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg und zirkuläre Modelle keine Gegensätze darstellen, sondern sich gegenseitig verstärken können.

Für nachhaltig orientierte Anlegerinnen und Anleger bietet die Migros Bank mit dem Vermögensverwaltungsmandat «Inspire» die Möglichkeit, ökologisches Handeln mit attraktiven Renditechancen zu verbinden. Unternehmen, die in zirkuläre Designs, Rücknahmesysteme und Recyclingtechnologien investieren, sichern sich eine Schlüsselrolle in der ressourcenschonenden Wirtschaft und schaffen zugleich neue Wachstumschancen.

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