Nachhaltigkeit

Dezentrale Energie im Fokus: Investieren in die Stromversorgung von morgen

Vom monumentalen Zentralkraftwerk zur smarten Eigenlösung: Energie dezentral zu erzeugen und zu speichern, gewinnt stark an Bedeutung. Für Anlegerinnen und Anleger eröffnet dieser Trend hin zu individuellen Lösungen attraktive Investment-Chancen an der Schnittstelle von Technologie und Unabhängigkeit. Dabei kann dezentrale Energie als ein Baustein dienen, um ein Portfolio ausgewogen aufzustellen.

Benjamin Gränicher
Publiziert
Lesedauer: 4 Minuten

Derzeit folgt die Energieversorgung meist noch einer Einbahnstrasse: Wenige zentrale Grosskraftwerke produzieren Strom, der über weite Distanzen zu Konsumentinnen und Konsumenten transportiert wird. Im Zuge der Energiewende sind dezentrale Lösungen ein wichtiger Bestandteil, um den steigenden Energiebedarf zu decken. Dezentrale Lösungen erzeugen Energie nahe am Verbrauchsort und bieten sowohl ökonomische als auch ökologische Vorteile. Diese dezentralen Energiesysteme bestehen aus mehreren kleineren Einheiten – sogenannten dezentralen Energieressourcen (DER) – zur lokalen Erzeugung und Speicherung von Energie. Dazu zählen beispielsweise Solaranlagen, Heimbatterien und Wärmepumpen sowie Komponenten wie Wechselrichter und intelligente Stromzähler, die die Energieflüsse im System steuern und optimieren.

Von der Nische zum Wachstumsmarkt: Dezentrale Energie setzt sich durch

Dezentrale Energieversorgung hat sich in den letzten Jahren von einer Nischenlösung zu einem dynamischen Wachstumsmarkt entwickelt. Ein Pionierbeispiel dafür steht in der Schweiz: Das erste komplett energieautarke Mehrfamilienhaus der Welt zeigt, dass Gebäude heute technisch in der Lage sind, ganz ohne Netzanschluss zu funktionieren.

Dass dezentrale Energiesystemtechnologien hierzulande keine Nische mehr sind, beweisen auch Daten der IEA¹ für die Schweiz: Im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energiequellen fällt das Kapazitätswachstum bei dezentralen Photovoltaik-Systemen mit Abstand am höchsten aus, auch weil die Bewilligungsverfahren im Vergleich zu grossen Solaranlagen oder Windparks verhältnismässig einfach sind. Daher erfolgt der Zubau erneuerbarer Energien in der Schweiz heute grösstenteils dezentral. In vielen Ländern liefert dezentrale Photovoltaik bereits günstigeren Strom als das zentrale Stromnetz, die Kosten sind je nach Land seit 2010 um 40 bis 70 Prozent gesunken – eine Entwicklung, die sich Schätzungen zufolge in den kommenden Jahren fortsetzen wird. Ergänzend dazu soll der Wärmebedarf, der durch dezentrale Wärmepumpen gedeckt wird, weltweit von 7 Prozent im Jahr 2020 auf etwa 20 Prozent bis Ende 2030 steigen, was den zunehmenden Marktanteil dezentraler Wärmetechnologien unterstreicht. 

Diese Entwicklung wird durch die steigende Kosteneffizienz zusätzlich gestützt: Laut Fraunhofer ISE² können dezentrale erneuerbare Energien heute bereits mit konventionellen Kraftwerken konkurrieren. Zahlen von Precedence Research zeigen zudem, dass der globale Markt für DER von rund 98 Milliarden Dollar im Jahr 2025 auf knapp 294 Milliarden Dollar bis 2034 anwachsen wird, was einer jährlichen Wachstumsrate von rund 13 Prozent entspricht. 

Ökologie, Ökonomie und Politik: Die Treiber der dezentralen Energieversorgung

Drei Kräfte treiben den Wandel zur Dezentralität voran: Ökologie, Ökonomie und politische Rahmenbedingungen. 

  • Ökologisch ist die dezentrale Energieversorgung der Schlüssel zu den Nettonull-Zielen, weshalb der Bund ihren Ausbau gezielt vorantreibt. Viele dezentrale Technologien arbeiten lokal emissionsfrei oder deutlich emissionsärmer und unterstützen durch intelligente Komponenten eine sparsamere Energienutzung. 
  • Wirtschaftlich ist die dezentrale Energieversorgung notwendig, um unabhängig von schwankenden Importpreisen zu werden. Die Preisvolatilität von fossilen Energieträgern, ausgelöst durch geopolitische Krisen wie dem Irankrieg, belastet laut der Europäischen Kommission die europäische Wirtschaft massiv. Seit Beginn des Konflikts hat Europa zusätzliche 6 Milliarden Euro für fossile Importe ausgegeben (Stand März 2026). Durch die Umstellung auf lokal produzierte, saubere Energie könnte Europa jedoch seine Abhängigkeit verringern. Ein Ausbau der dezentralen Energieversorgung erhöht somit die Stabilität des Energiemarkts und wirkt sich positiv auf die Gesamtwirtschaft im Innern aus.
  • Diese Treiber werden zudem durch unterstützende regulatorische Grundlagen gestärkt: Politische Rahmenbedingungen wie die Schweizer Energiestrategie 2050 unterstützen die Umstellung auf DER und erhöhen somit die Nachfrage nach entsprechenden Technologien. Die entsprechenden schweizweiten Fördergelder sind einsehbar auf der Plattform Energiefranken.

Warum dezentrale Energieversorgung Investment-Portfolios bereichert

Ein strategischer Fokus auf dezentrale Lösungen minimiert die Abhängigkeit von fossilen Grossprojekten und mindert das Risiko von «Stranded Assets» in Form von stillgelegten fossilen Kraftwerken. 

  • Resilienz und stabilere Erträge: Durch den Einsatz diverser lokaler Energiequellen (Sonne, Wind, Bioenergie) wird die Abhängigkeit von einzelnen, fossilen Brennstoffen verringert und werden Energiepreise von geopolitischen Krisen sowie instabilen Lieferketten entkoppelt. Gleichzeitig sind dezentrale Strukturen widerstandsfähiger: Der Ausfall einzelner Komponenten durch Natur- oder Fremdeinwirkung gefährdet nicht das gesamte System. Für Anlegerinnen und Anleger kann dies zu stabileren, langfristig besser planbaren Erträgen beitragen.
  • Wachstum durch wirtschaftlichen Mehrwert: Eine aktuelle Roland-Berger-Studie beziffert den gesamtwirtschaftlichen Nutzen dezentraler Lösungen allein in Deutschland bis 2045 auf rund 255 Milliarden Euro. Dieser ergibt sich aus bis zu 50 Prozent niedrigeren Energiekosten für Haushalte sowie KMU und einer massiven Entlastung des Netzausbaus (um ca. 40 Prozent). In der Schweiz zeichnet sich ein ähnliches Bild: Eine Studie der ETH Zürich bestätigt, dass eine Investition in erneuerbare Energiesysteme die Energieausgaben um bis zu 2 Milliarden Franken pro Jahr senken würde.

Die Architekten der Dezentralität: Drei Investment-Cases

Die folgenden Unternehmen stellen die notwendige Infrastruktur für den globalen Wandel zur dezentralen Energieversorgung bereit und illustrieren die Bandbreite der Investment-Perspektiven in diesem Bereich.

  • NIBE Industrier: Der schwedische Wärmepumpen-Hersteller NIBE Industrier ist mit einem Nettoumsatz von 40,84 Milliarden schwedischen Kronen (ca. 3,5 Milliarden Franken) Marktführer in Europa und Nordamerika. Wärmepumpen bilden als DER einen Teil eines dezentralen Energiesystems, Haushalte können so von Öl- oder Gasheizungen auf elektrische Alternativen umsteigen. Wärmepumpen entziehen der Umwelt (Luft, Boden, Wasser) Energie und wandeln diese in Wärme um. Der Effizienzvorteil gegenüber fossilen Systemen ist enorm: Während konventionelle Gasboiler meist Wirkungsgrade um 90 Prozent erzielen, erreichen NIBE-Wärmepumpen über 300 Prozent. In der Praxis bedeutet das: Aus 1 kW Strom entstehen 3 kW Nutzwärme. NIBE treibt die dezentrale Energieversorgung durch vernetzte Systemlösungen voran, die Wärmepumpen mit PV-Anlagen und Speichern zu optimierten Heimsystemen kombinieren. Der ökologische Nutzen für die Energiewende ist massiv: Allein die 2024 installierten Anlagen senkten den CO2-Ausstoss um 433'448 Tonnen. Mit dem Ziel, ihren Nettoumsatz bis 2030 auf 80 Milliarden schwedische Kronen zu verdoppeln, positioniert sich NIBE als langfristiger Profiteur der globalen Wärmewende.
  • Landis+Gyr: Das 130-jährige Zuger Traditionsunternehmen ist heute das technologische «Gehirn» moderner Stromnetze. Landis+Gyr sorgt dafür, dass aus einfachen Hausanschlüssen mitdenkende Knotenpunkte werden. Ihr neuester intelligenter Zähler (Smart Meter), der «Revelo», ist ein technologischer Vorreiter: Er misst nicht nur den Verbrauch, sondern steuert den Stromfluss in beide Richtungen – also zwischen Solaranlage, Heimbatterie, E-Auto und dem öffentlichen Netz. Ihre spezialisierte Software (DERMS) zur sekundengenauen Steuerung von DER sichert die Netzstabilität und verhindert einen Kollaps bei Spitzenbelastungen. Für Anlegerinnen und Anleger ist die Marktposition äusserst attraktiv: Im Geschäftsjahr 2024 erzielte das Unternehmen einen Nettoumsatz von rund 1,73 Milliarden Dollar und verzeichnete einen Rekord-Auftragsbestand von 4,63 Milliarden Dollar (+23 Prozent zum Vorjahr). Auch der ökologische Hebel ist massiv: Die installierte Basis ermöglichte allein 2024 eineEinsparung von 9 Millionen Tonnen CO2.
  • Infineon: Infineon ist mit einem Nettoumsatz von 14,7 Milliarden Euro einer der führenden europäischen Halbleiterhersteller und wichtiger Enabler für die dezentrale Energiewende. In dezentralen Systemen wird Energie oft als Gleichstrom erzeugt, etwa in Photovoltaikanlagen oder Batterien, und muss für Haushalte und Stromnetze in Wechselstrom umgewandelt werden. Die Division «Green Industrial Power» von Infineon entwickelt genau für diese Anwendungen Leistungshalbleiter. Neben klassischem Silizium setzt das Unternehmen verstärkt auf spezialisierte Hochleistungsmaterialien (wie Siliziumkarbid), die selbst bei hohen Spannungen kaum Energie verlieren. Das macht Wechselrichter kleiner, leichter und effizienter. Parallel arbeitet Infineon auch an innovativen Technologien, etwa mit besonders dünnen Halbleiterscheiben (Wafern). Diese sind mit 20 Mikrometern nur noch halb so dick wie bisherige Standardprodukte und können die Energieverluste in bestimmten Anwendungen um mehr als 15 Prozent reduzieren. Solche Effizienzgewinne sind ein wichtiger Baustein, um dezentrale Energiesysteme leistungsfähiger und wirtschaftlicher zu machen.

Ausblick: Die Zukunft gehört dem dezentralen Netzwerk

Die dezentrale Energieversorgung wird sich im Zuge der Energiewende weiter etablieren. Technologische Fortschritte, zunehmende Elektrifizierung und politische Rahmenbedingungen sprechen dafür, dass lokal erzeugte und gesteuerte Energie künftig eine grössere Rolle im Energiesystem einnimmt. Für Anlegerinnen und Anleger kann dieses Umfeld interessante Perspektiven eröffnen. Dezentrale Lösungen verbinden strukturelles Wachstum mit dem Potenzial für stabilere Erträge in einem von Unsicherheiten geprägten Umfeld.

Gleichzeitig gilt: Auch bei langfristigen Trends bleibt eine breite Diversifikation entscheidend. Dezentrale Energie kann dabei als ein Baustein dienen, um ein Portfolio ausgewogen aufzustellen.

 

¹ The International Energy Agency (IEA): https://www.iea.org/data-and-statistics/data-tools/renewable-energy-progress-tracker 
² Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE): https://www.ise.fraunhofer.de/de/veroeffentlichungen/studien/studie-stromgestehungskosten-erneuerbare-energien.html 

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