Spanien zwischen Unmut auf Tourismus und Wirtschaftswachstum
In den letzten Jahren ist Spanien zu einem Motor des europäischen Wirtschaftswachstums geworden. Dazu hat auch der Massentourismus mit Licht und Schatten beigetragen. Trotz wirtschaftlichen Verbesserungen bleiben Probleme wie die rekordhohe Arbeitslosenquote, und die Abwanderung von einheimischen Fachkräften hält an.
Am Abend bleibt es bis spät hell, und die heisse Temperatur lädt zu einem Sprung ins erfrischende Nass ein. Der Sommer ist definitiv angekommen, und das heisst für viele Ferienzeit. Ein weltweit sehr beliebtes Reiseziel, das auch viele Schweizerinnen und Schweizer anlockt, ist Spanien. Gemäss den Statistiken der Welttourismusorganisation UN Tourism verzeichnete Spanien 2024 fast 94 Millionen Ankünfte (+13 Prozent gegenüber 2023) und lag damit knapp hinter dem Spitzenreiter Frankreich mit 100 Millionen Ankünften. Solche Tourismusströme sind für die spanische Bevölkerung Quelle sowohl der Freude als auch des Leids.
Mit Wasserpistolen gegen Massentourismus
Insbesondere in stark besuchten Städten sowie auf den spanischen Inseln nimmt der Unmut der Einheimischen zu, die seit Monaten auf die Strassen gehen, um gegen den Massentourismus zu demonstrieren. Breite Schichten der Bevölkerung beklagen sich über die rasch angestiegenen Lebensunterhaltungskosten, und es besteht immer mehr eine Knappheit an bezahlbaren Wohnungen. Diese gehören zu den grössten Sorgen der Spanierinnen und Spanier: Häufig werden die Wohnungen lieber auf Plattformen für Touristen zur kurzfristigen Vermietung angeboten, statt sie an die einheimische Bevölkerung zu vermieten. Dies verknappt das Angebot auf dem Markt, mit drastischen Folgen: Innerhalb der letzten 10 Jahre hat sich die durchschnittliche Miete verdoppelt. Die Regierung versucht einzugreifen, und die entsprechenden juristischen Auseinandersetzungen mit Wohneigentümern und Vermietungsplattformen haben bereits begonnen.
Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ist für die spanische Bevölkerung der Protest gegen den Massentourismus eine Gratwanderung. Zwar bringt dieser stattliche Probleme mit sich. Gleichzeitig ist er aber auch das Rückgrat der spanischen Wirtschaft.
Die Konjunktur läuft gut
Zu den positiven Seiten des Fremdverkehrs zählen die erheblichen Einnahmen und Arbeitsplätze, die nicht nur die Beherbergungs- und Gastronomiebranche betreffen, sondern auch zahlreiche Konsumbereiche wie Nahrungsmittel, Verkehr, Gesundheitswesen oder eben das Wohnen. Spanien hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte wirtschaftliche Erholung erlebt, die es zu einem zentralen Akteur im europäischen Wirtschaftswachstum gemacht hat. Laut Eurostat-Prognosen wird das spanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den kommenden Jahren weiterhin über dem europäischen Durchschnitt wachsen. Diese positive Entwicklung ist auf eine Vielzahl von Faktoren zurückzuführen, darunter eine robuste Binnennachfrage, steigende Exporte und eine Erholung des Arbeitsmarktes, der viele Arbeitskräfte aus dem Ausland angezogen hat. Die spanische Regierung hat zudem Reformen umgesetzt, die die Wettbewerbsfähigkeit des Landes gestärkt haben.
Zudem hat sich das Vertrauen internationaler Investoren gegenüber Spanien deutlich verbessert. Dies ist vor allem auf die Konsolidierung der Staatsfinanzen zurückzuführen, die zusammen mit dem Wirtschaftswachstum zu einem graduellen Rückgang der Schuldenquote geführt hat. Das jährliche Defizit bleibt unter der EU-Grenze von 3 Prozent. Infolgedessen war die Rendite der 10-jährigen spanischen Staatsanleihen im Oktober 2024 zum ersten Mal seit der Finanzkrise niedriger als diejenige der französischen Staatsanleihen. Das ist ein grosser Vertrauensgewinn für Spanien, wenn man bedenkt, dass auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise 2014 der Renditeaufschlag sogar 5 Prozentpunkte betrug.
Die Herausforderungen bleiben hoch
Trotz dieser positiven Entwicklungen steht Spanien vor der Herausforderung, dass einheimische Fachkräfte abwandern. Die Arbeitslosenquote bleibt die höchste der gesamten EU, und viele Arbeitsplätze im Tourismussektor sind saisonabhängig und schlecht bezahlt. Daher verlassen weiterhin viele hochqualifizierte Fachkräfte das Land, um in anderen europäischen Ländern bessere Arbeitsmöglichkeiten zu finden. Dies stellt eine Bedrohung für Spaniens langfristiges Wachstumspotenzial dar, da es die Innovationskraft und Produktivität des Landes beeinträchtigen könnte. Gezielte Massnahmen sind erforderlich, um die Attraktivität des spanischen Arbeitsmarktes für Fachkräfte zu erhöhen.
(Foto: Keystone/AP/Joan Mateu Parra)
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