Markteinschätzung

Der deutsche Patient will einfach nicht gesunden

Deutschland sieht sich mit anhaltender Wachstumsschwäche konfrontiert. Diese ist gleichzeitig zyklischer, geopolitischer und struktureller Natur – und wirft deutliche Schatten auch auf die Schweizer Wirtschaft.

Santosh Brivio
Publiziert
Lesedauer: 3 Minuten

Sechs Jahre ohne reales Wirtschaftswachstum. Was in Deutschland seit 2019 geschieht, ist in der Nachkriegsgeschichte des Landes beispiellos. Nach zwei Jahren Rezession (-0,9 Prozent 2023, -0,5 Prozent 2024) folgte 2025 lediglich ein symbolisches Plus von 0,2 Prozent. Und nun, da erste zarte Hoffnungen auf eine konjunkturelle Wende zu keimen begannen, schlägt die Realität erneut zu: Der Irankrieg hat die Energiemärkte erschüttert. Der Rohöl-Preis überstieg zeitweise 100 Dollar für ein Barrel der Sorte Brent, der europäische Gaspreis (TTF) verdoppelte sich auf 60 Euro je Megawattstunde – und Europas grösste Volkswirtschaft muss sich erneut der wachsenden Gefahr einer zumindest technischen Rezession stellen.

Denn bei den Konjunkturprognosen für unseren nördlichen Nachbarn verdüstert sich das Bild zusehends. Für das laufende Jahresviertel zeichnet sich eine Stagnation ab, und für das dritte und vierte Quartal ist ein leichter Rückgang der Wirtschaftsleistung immer wahrscheinlicher. Damit würde sich Deutschland – nach der kurzen Atempause 2025 – erneut in rezessiven Gefilden wiederfinden. 

Drei sich gegenseitig infizierende Wunden

Die deutsche Wirtschaftsmisere ist kein Pech, sondern das Ergebnis des gleichzeitigen Wirkens struktureller, zyklischer und geopolitischer Schocks. Wer die Lage verstehen will, muss alle drei Ebenen lesen.

Erstens: das strukturelle Versagen. Deutschland hat jahrelang von billigem russischen Gas, freiem Welthandel und einer konkurrenzfähigen Automobilindustrie profitiert – alle drei Pfeiler sind weggefallen oder erschüttert. Die Wirtschaftsleistung liegt heute gerade einmal 0,2 Prozent über dem Niveau von 2019. Der Standort verliert schleichend an Wettbewerbsfähigkeit: Hohe Energiekosten, Fachkräftemangel, überbordende Bürokratie und ein digitales Infrastrukturdefizit bremsen Investitionen. Die Privatwirtschaft hält ihr Geld zurück, die Konsumenten sparen vorsichtshalber.

Zweitens: der geopolitische Energieschock. Der Irankrieg und die Schliessung der Strasse von Hormuz haben einen Energiepreisschock ausgelöst, der energieintensive Industrien wie Chemie, Stahl und Glas besonders hart trifft. Die Inflationsrate steigt 2026 auf geschätzte 2,8 Prozent, was die Kaufkraft belastet und den privaten Konsum dämpft. 

Drittens: die Investitionslücke. Das Finanzpaket der Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz sollte (einmal mehr) die Zeitenwende bringen. Staatliche Investitionen stützen das Wachstum tatsächlich mit rund 0,5 Prozentpunkten, doch private Investitionen bleiben schwach. Die Arbeitslosigkeit verharrt bei rund drei Millionen. Ein Kalendereffekt schmeichelt der Wachstumsstatistik – bereinigt um diesen Effekt und die Staatsausgaben bleibt aus eigener Dynamik kaum etwas übrig.

Eine nicht zu unterschätzende Abhängigkeit

Dies bestätigt uns in unserer bisherigen Einschätzung. Haben wir doch ganz abgesehen vom ordnungspolitischen Sündenfall die Erwartungen an das schuldenfinanzierte Investitionspaket stets mit einer gehörigen Portion Skepsis betrachtet. Aber Genugtuung oder gar Schadenfreude wären definitiv fehl am Platz. Denn für die Schweizer Wirtschaft ist die Entwicklung in Deutschland nicht bloss ein Beobachterthema – sie ist eine Frage der eigenen Wettbewerbsfähigkeit und des Wachstumsausblicks.

Die Bundesrepublik ist mit einem Anteil von rund 12 Prozent an allen Schweizer Exporten der zweitwichtigste Exportmarkt der Welt, knapp hinter den USA. Jeder dritte Exportfranken, der in die EU fliesst, geht nach Deutschland. Als Importquelle ist Deutschland noch dominanter: Mit einem Importanteil von 27,1 Prozent ist es der mit Abstand wichtigste Lieferant der Schweiz. Deutschland ist nicht nur Kunde – es ist auch Lieferant, Wertschöpfungspartner und Konjunkturbarometer.

Ein kriselndes Deutschland kann somit auch für unsere Wirtschaft kaum etwas Gutes bedeuten. Die Signale sind bereits sichtbar: Im ersten Quartal 2026 sanken die Schweizer Exporte gegenüber dem Schlussquartal 2025 saisonbereinigt um 4,2 Prozent – ein Tiefstand. Der Aussenhandel entwickelte sich in beiden Richtungen rückläufig. Der Handelsbilanzüberschuss schrumpfte auf den tiefsten Monatswert seit Dezember 2023.

Bereits für das Gesamtjahr 2024 musste ein Rückgang der Exporte nach Deutschland von 2,1 Prozent hingenommen werden. Das zeigt: Die Abschwächung des deutschen Abnehmers ist kein neues Phänomen – aber sie vertieft sich gerade.

Wie stark ist der Puffer aus Chemie und Pharma?

Der Gegenwind für den Schweizer Aussenhandel bleibt somit stark. Zwar hat sich die Schweizer Exportwirtschaft strukturell verschoben. Chemie- und Pharmaerzeugnisse machen inzwischen 53 Prozent aller Schweizer Exporte aus – 2025 erreichten sie einen Rekordwert von 152 Milliarden Franken. Dieser Sektor ist weniger konjunkturempfindlich und profitiert vom globalen Gesundheitstrend.

Problematischer ist allerdings die Lage für Maschinen, Elektronik und Apparate: Die zweitgrösste Exportkategorie sank 2025 um 307 Millionen Franken. Der deutsche Maschinenbau – ein zentraler Abnehmer für Schweizer Komponentenlieferanten – schloss 2025 mit Nullwachstum ab, verbuchte im Februar 2026 gar ein Minus von 6 Prozent beim Auftragseingang. In Kombination mit der strukturellen Frankenstärke ist dies alles andere als eine rosige Ausgangslage für die hiesigen Exporteure. Erfährt die ausländische Nachfrage aber keine Wiederbelebung, wird auch das Schweizer Wirtschaftswachstum insgesamt weithin hinter seinem Potenzial zurückbleiben. Das gedämpfte deutsche Umfeld, der starke Franken und die globale Unsicherheit bilden zusammen ein vertracktes Dreieck der Wachstumsbremsen.

Ein realistischer und kein verklärender Blick

Vor diesem Hintergrund gilt für die Schweiz: Wer die Lage Deutschlands unterschätzt, unterschätzt das Risiko für die Konjunktur im eigenen Land. Die Abhängigkeit ist real – auch wenn Chemie und Pharma als Puffer wirken. Mittel- und langfristig müssen Schweizer Unternehmen ihre Exportdiversifikation weiter vorantreiben, Asien- und Nordamerikageschäft ausbauen und sich weniger auf die europäische Binnennachfrage verlassen.

Aus geldpolitischer Sicht ist wiederum zu konstatieren, dass der eingeschlagene Kurs der Schweizerischen Nationalbank angebracht ist. Der Nullzins ist vertretbar, solange die Inflation innerhalb des Zielbands bleibt. Doch die Devisenmarkt-Karte muss griffbereit liegen, und das unablässige Signalisieren der entsprechenden Bereitschaft zur Intervention im Devisenmarkt ist wichtig. Denn ein weiterer Schub in Richtung Frankenstärke – ausgelöst durch eine neue Eskalation im Nahen Osten oder ein neues globales Risikoereignis – könnte die Exportwirtschaft über die Belastungsgrenze treiben.

Und schliesslich muss akzeptiert werden, dass sich die Schweiz nicht von Deutschland isolieren kann. Das bilaterale Verhältnis – wirtschaftlich, regulatorisch, politisch – bleibt fundamental. Wenn Europas Industriekern krank ist, darf auch die Schweiz keine rosige Prognose erwarten. Sechs Jahre Stagnation in Deutschland sind kein Konjunkturproblem mehr. Sie sind ein Systemsignal – und das sollten sowohl die Wirtschaft als auch die Politik mit wachem Blick lesen.

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