Markteinschätzung

Mehr als nur eine Bieridee

Der Bierkonsum ist auch in der Schweiz rückläufig und verändert sich. Die Auswirkungen gehen weit über die Branche hinaus und haben sogar gesamtwirtschaftliche Dimensionen. Auch aus Anlageperspektiven ergeben sich spannende Implikationen.

Santosh Brivio
Publiziert
Lesedauer: 4 Minuten

Männer sind simpel gestrickt. Zugegeben: Diese einfache Feststellung mag zwar durchaus ein nicht immer zutreffendes Schliessen von mir auf meine anderen Geschlechtsgenossen sein, aber grundsätzlich bin ich davon überzeugt. Was mich zu einer weiteren Überzeugung bringt: Nicht wenige der sowohl stupidesten als auch genialsten Ideen der Menschheit hatten ihren Ursprung im schlichten Mann-zu-Mann-Satz: «Halt doch mal kurz mein Bier.»

Auch hier: Ich verallgemeinere vielleicht ein wenig über Gebühr, stütze mich aber immerhin auf meine persönliche Erfahrung. Wobei sich die erste Kategorie von Einfällen bereits allesamt tatsächlich als dämlich erwiesen haben, während der geniale Charakter der anderen Ideen bislang noch nicht auf breite Anerkennung gestossen ist. Kann aber nur eine Frage der Zeit sein – doch, ganz bestimmt!

Ohne das genaue Verhältnis zwischen den – seien wir ehrlich – oftmals strunzdummen und phänomenalen Bierideen zu kennen (obschon ich eine leise Vermutung habe, in welche Richtung es ausschlägt…), erodiert die Grundlage der wie auch immer gelagerten Einfälle zusehends. Denn der Bierkonsum befindet sich seit Jahren im Sinkflug.

Bier mit abnehmender Beliebtheit

So trinken in Europa die Menschen heute deutlich weniger Bier pro Kopf als noch vor ein bis zwei Dekaden; der Trend zeigt in den meisten reifen Märkten klar nach unten. Selbst klassische Bierländer wie Deutschland, Tschechien oder Österreich verzeichnen seit Jahren rückläufige Pro-Kopf-Mengen, auch wenn das Niveau im internationalen Vergleich weiterhin hoch bleibt. In vielen Weinländern wie Frankreich, Italien oder Griechenland hat sich der Bierkonsum dagegen auf einem niedrigeren, aber relativ stabilen Niveau von grob 30 bis 40 Litern eingependelt.

Diesem Trend kann sich auch die Schweiz nicht entziehen (siehe Grafik), obschon sie traditionell noch gar nie ein «Bierweltmeister» gewesen ist. Die Menschen trinken insgesamt weniger Bier, und erstmals ist der Pro-Kopf-Konsum unter die Marke von 50 Litern gefallen (was beispielsweise weniger als halb so viel wie in Tschechien ist). Noch in den 1990er-Jahren lag der Schweizer Pro-Kopf-Konsum nach Angaben des Brauerei-Verbands bei gut 70 Litern – seither hat sich der Durchschnitts-Schweizer also grob ein Drittel «heruntergetrunken».

Gleichzeitig ist Bier produktionsseitig fest verankert und verzeichnet sogar einen leicht steigenden Trend: Schweizweit wurden im Braujahr 2024/25 rund 3,7 Millionen Hektoliter Bier (ohne alkoholfreie Sorten) gebraut. Über den Zeitraum von 20 Jahren betrachtet, entspricht dies einer Zunahme von 6 Prozent. 

Schweiz kann sich dem Trend nicht entziehen

Charakteristisch für die Schweiz ist zudem der hohe Anteil der Gastronomie – rund ein Viertel des Bierabsatzes läuft über Restaurants, Bars und Veranstaltungen und damit deutlich mehr als in manchen Nachbarländern. Und noch etwas ist hierzulande besonders ausgeprägt: In den vergangenen Jahren bewegte sich der Gesamtverbrauch relativ stabil bei rund 4,7 Millionen Hektolitern, bevor ab 2022/23 eine erneute Talfahrt einsetzte. 

Bei nüchterner (der Wortwitz sei mir verziehen) Betrachtung spiegelt sich darin ein Zusammenspiel mehrerer Trends: eine alternde Bevölkerung, ein bewussterer Umgang mit Alkohol, veränderte Freizeitmuster sowie preisbedingt zurückhaltendere Konsumenten in einem anspruchsvollen wirtschaftlichen Umfeld. Wettereffekte – etwa verregnete Sommer oder Einschränkungen bei Grossveranstaltungen – verstärken die Volatilität von Jahr zu Jahr, ändern aber nichts an der langfristig sinkenden Tendenz. Bemerkenswert ist, dass der Gesamt-Alkoholkonsum in der Schweiz (in Reinalkohol gemessen) schon länger rückläufig ist, Bier aber zeitweise etwas gegen den Trend lief und erst in den letzten Jahren wieder klar nach unten drehte.

Eine Branche im Wandel

Hinter den blanken Zahlen versteckt sich aber auch eine tiefgreifende Verschiebung im Produktmix. Das klassische Lagerbier dominiert mit rund drei Vierteln zwar weiterhin den Markt, verliert aber langsam an Boden. Gleichzeitig haben Spezialitätenbiere und Craft-Biere spürbar an Bedeutung gewonnen; die Zahl der Mikrobrauereien ist in den letzten 15 Jahren regelrecht explodiert. Dieser Trend vom Einheitslager zur biervielfältigen Schweiz schafft Preissetzungsspielräume, erhöht aber auch die Fragmentierung und den Wettbewerbsdruck unter den Anbietern.

Besonders dynamisch ist das Segment der alkoholfreien Biere: Deren Marktanteil hat sich in der Schweiz in den letzten Jahren deutlich erhöht, nachdem er früh von gut 2 bis knapp 6 Prozent kletterte. Aktuelle Branchenberichte sprechen von einem «starken Wachstum der Alkoholfreien» – während der Gesamtmarkt schrumpft, legen alkoholfreie Varianten teils zweistellig zu. Für Brauereien bedeutet das eine attraktive Marge-Nische, die gut zum Trend eines gesundheitsbewussteren, mobileren und flexibleren Konsumverhaltens passt.

Die Veränderungen bei Konsumverhalten und Gewohnheiten spiegeln sich auch innerhalb der Branche selbst und dort vor allem in der massiven Zunahme von Brauereien – von rund 30 in den 1990er-Jahren auf heute etwa 1200. Volkswirtschaftlich bedeutet das eine kleinteiligere, regional verankerte Wertschöpfung, aber auch höhere Volatilität und mehr Marktaustritte in Phasen schwächerer Nachfrage. Gleichzeitig klagt die Branche über Fachkräftemangel bei gelernten Brauerinnen und Brauern, was zusätzliche Investitionen in Ausbildung und Produktivität notwendig macht. Der Strukturwandel führt damit weg von einigen wenigen Grossarbeitsplätzen hin zu vielen kleinen, teils nebenberuflich geführten Betrieben.

Nicht zu unterschätzende volkswirtschaftliche Bedeutung

Dieser Wandel trifft damit auf eine Branche, die zwar nicht gerade eine Schlüsselindustrie der Schweizer Wirtschaft ist, aber dennoch eine nicht zu unterschätzende Bedeutung aufweist. So erzielt die Schweizer Brauwirtschaft nach Angaben des Brauerei-Verbands einen Jahresumsatz von rund einer Milliarde Franken. Direkt in den Brauereien sind etwa 3000 Personen beschäftigt; rechnet man Lieferanten, Logistik, Handel und Gastronomie hinzu, hängen rund 50’000 Arbeitsplätze in irgendeiner Form am Bier. In Relation zu einer gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung von rund 760 Milliarden Franken bleibt der direkte Anteil der Brauwirtschaft zwar klein, liegt aber im Bereich einiger Zehntelprozent des Bruttoinlandprodukts – mit überproportionaler Bedeutung in einigen Regionen. 

Hinzu kommen die indirekten Effekte über die Gastronomie und den Eventsektor. Das Gastgewerbe generiert in der Schweiz insgesamt rund 35 Milliarden Franken Bruttowertschöpfung, was knapp 5 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung entspricht; Bier ist ein zentraler Bestandteil der Getränkeumsätze in Restaurants, Bars und an Veranstaltungen. Wenn der Pro-Kopf-Bierkonsum sinkt, schrumpft insbesondere der Absatz im Ausser-Haus-Konsum – etwa in Beizen, Stadien und an Festivals –, was Umsätze und Margen im ohnehin margenschwachen Gastgewerbe zusätzlich belastet. Gleichzeitig verschiebt sich der Konsum hin zu höherwertigen, teils lokal produzierten Spezialbieren, was regional die Wertschöpfung pro Liter erhöhen und spezifische touristische Angebote stärken kann.

Und schliesslich darf auf auch die fiskalische Betrachtung nicht fehlen. Denn der Biersektor generiert bedeutende Steuereinnahmen über Mehrwertsteuern, Verbrauchssteuern, Unternehmenssteuern und Lohnabgaben. Eine Studie für die EU zeigt, dass Bierkonsum 2022 Verbraucherausgaben von rund 110 Milliarden Euro auslöste und eine Wertschöpfung von über 52 Milliarden Euro generierte; daraus resultierten über 40 Milliarden Euro an Steuereinnahmen, was gut auf die Schweizer Verhältnisse übertragbare Proportionen illustriert. Weniger Bierkonsum bedeutet kurzfristig geringere Steuereinnahmen aus Bier, wird aber teilweise kompensiert, wenn Konsumenten auf andere, höher besteuerte Produkte ausweichen oder mehr in andere Konsumbereiche investieren. 

Auch für Anlegerinnen und Anleger interessant

Diese Entwicklungen sind nur aus ökonomischer Sicht und/oder für Bierfreunde interessant, sondern liefern auch aus Anlegerperspektive nutzbare Signale: Erstens sind reife Biermärkte volumenmässig gesättigt, das Wachstumspotenzial liegt primär ausserhalb Europas – in Asien und Lateinamerika – oder in Nischen wie Premium- und alkoholfreien Getränken. Zweitens sind die Erträge im schweizerischen (wie auch im europäischen) Biergeschäft zunehmend abhängig von Preissetzungsmacht, Markenstärke und Effizienz, nicht von steigenden Litermengen. Drittens hängt der Schweizer Biermarkt stark von der Gastronomie und vom Eventgeschäft ab – Konjunkturzyklus oder schlicht Wetter werden zu entscheidenden Einflussfaktoren für Quartalszahlen. Und viertens ist Bier ein gutes Barometer für breitere Konsumtrends: Gesundheitsbewusstsein, Urbanisierung, Freizeitgestaltung und Kaufkraft schlagen sich schnell in der Bierstatistik nieder.

Engagements in Brauereikonzernen oder Getränkeunternehmen sind vor diesem Hintergrund eher eine Wette auf Markenführung und globales Emerging-Markets-Wachstum als auf den europäischen Durst. In der Schweiz rücken zudem ergänzende Sektoren wie Gastronomie, Eventdienstleister, Retail und Logistik in den Blick, die indirekt von der Entwicklung des Bierkonsums und des Ausgehverhaltens profitieren oder belastet werden. Wer in den Biermarkt investiert, sollte daher die regionalen Umsatzmixes, die Exponierung zu Europa versus Wachstumsmärkten und die strategische Positionierung in den Segmenten alkoholfrei, Premium und Spezialitäten genau prüfen.

Damit zeigt sich: Die Bedeutung eines kühlen Biers geht weit über seine Rolle als Durstlöscher an einem Sommertag oder nach Feierabend hinaus. Rückläufiger Pro-Kop-Konsum, veränderte Gewohnheiten und Vorlieben oder neue Trends bergen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven sowohl Chancen als auch Herausforderungen. Wie diesen Herausforderungen zu begegnen ist? Ich hätte da schon ein paar Ideen – halten Sie doch mal kurz mein Bier…!

(Foto: Keystone / Peter Klaunzer)

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