Die Millionenfrage: Betrachtungen zur Abstimmung «Keine 10-Millionen-Schweiz»
Vor dem Hintergrund der anstehenden Volksabstimmung beleuchtet das Economic Research der Migros Bank die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» aus Volkswirtschafts- und Anlagesicht.
Geschätzte Leserin, geschätzter Leser
Wer die Quizsendung «Wer wird Millionär?» kennt, weiss: Am Ende die alles entscheidende Frage. Die Beleuchtung wird dunkler, die Musik dramatischer – und jede frühere Antwort erscheint im neuen Licht. Ähnlich wirkt der bevorstehende Urnengang zur Nachhaltigkeitsinitiative, besser bekannt als: «Keine-10-Millionen-Schweiz», auf die wirtschaftspolitische Diskussion: Sie verdichtet eine komplexe Debatte auf eine einzige, zugespitzte Frage.
Anders als bei der TV-Sendung gibt es hier jedoch keine klare «richtig oder falsch»-Antwort, und schon gar keine rein ökonomische Antwort. Diese Publikation versteht sich daher ausdrücklich nicht als Abstimmungsempfehlung, sondern als faktenbasierte Analyse der wirtschaftlichen Weichenstellungen rund um Bevölkerungsgrösse und -wachstum.
Die Debatte verschiebt sich auf gesamtwirtschaftlicher Ebene: Statt «Wie stark wachsen wir?» rückt «Wie wachsen wir pro Kopf?» in den Fokus. Weniger Bevölkerungswachstum könnte die gesamtwirtschaftliche Dynamik bremsen – oder den Druck erhöhen, Produktivität, Innovation und Effizienz zu steigern. Welche Anpassungen könnten nötig werden, um das Schweizer Systemgefüge stabil und die Standortattraktivität zugleich hochzuhalten?
Für Unternehmen wiederum steht im Zentrum, wie sich ein gedämpftes Bevölkerungswachstum auf Fachkräftemangel, Nachfrage im Heimmarkt und Planungssicherheit auswirkt. Finden sie künftig genügend qualifizierte Mitarbeitende – oder rücken Produktivitätsschübe, Automatisierung und neue Arbeitsmodelle noch stärker in den Fokus? Reicht der Heimmarkt für Investitionen – oder werden internationale Märkte noch wichtiger?
Gleichzeitig geraten Infrastruktur und der Immobilienmarkt ins Blickfeld. Ein begrenzteres Bevölkerungswachstum könnte Überlastung bei Verkehr, Energie und öffentlichen Netzen entschärfen, aber auch die Anreize für grosse Ausbau- und Unterhaltsprojekte mindern. Auf dem Immobilienmarkt stellt sich die Frage, wie sich veränderte demografische Trends auf Wohnraum, regionale Preisunterschiede, Verdichtung sowie Neubau und Sanierung auswirkt.
Aus Anlageperspektive stellt sich die «Millionenfrage» schliesslich in Form von Portfolioentscheidungen. Welche Unternehmens- und Immobiliensegmente sind bei moderaterem Bevölkerungswachstum robust positioniert? Wie beeinflussen Standortqualität, Innovation und Demografie einzelne Anlageklassen und deren langfristige Renditen?
Es zeigt sich: Nicht die Zahl «10 Millionen» ist entscheidend, sondern wie die Schweiz Produktivität, Innovation, Sozialwerke, Infrastruktur und Standortattraktivität ausbalanciert. Im Folgenden greifen wir diese Aspekte auf – mit dem Ziel, Zusammenhänge transparent zu machen und Orientierung zu geben, ohne die Antwort auf die eigentliche Millionenfrage vorwegzunehmen.
Zusammenfassung
– Ein Ja bremst die Zuwanderung als Wachstumstreiber und zwingt zu höherer Produktivität sowie besserer Nutzung des inländischen Arbeitskräftepotenzials.
– Kurzfristig bleiben Effekte begrenzt, langfristig müssen Unternehmen, Infrastruktur, Immobilien und Kapitalmarkt ihre Strategien an ein schwächeres Bevölkerungswachstum anpassen.
– Weniger Wachstum reduziert Dichtestress, erhöht aber regional das Risiko von Leerständen, Investitionsrückgang und Infrastrukturverfall in der Peripherie.
– Für Anleger bleibt die Abstimmung ein Rahmenfaktor; Standortqualität, Produktivität und Innovation bestimmen die Attraktivität des Schweizer Marktes stärker als das Abstimmungsresultat selbst.
Santosh Brivio Santosh Brivio
Santosh Brivio verantwortet das Economic Research der Migros Bank. In dieser Funktion befasst er sich vor allem mit der Konjunktur-, der Zins- und der Immobilienmarktentwicklung sowie mit den Schnittstellen zur Finanzmarktanalyse.
Polarisierende Initiative kommt im Juni zur Abstimmung
Die zur Abstimmung stehende Nachhaltigkeitsinitiative lässt die Gemüter hochkochen. Die Stimmung ist emotional aufgeladen und sorgt für Aufregung. Die Ausgangslage ist klar: Am 14. Juni 2026 stimmt die Schweizer Bevölkerung über die eidgenössische Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» (Nachhaltigkeitsinitiative) ab.
Die Abstimmungsvorlage sieht vor, dass die Wohnbevölkerung in der Schweiz 10 Millionen Personen vor 2050 nicht überstiegen darf. Dabei soll der Bund gewährleisten, dass dieser Schwellenwert nicht überschritten wird. Dazu sind mehrere Massnahmen vorgesehen, welche bereits ab 9.5 Millionen in der Schweiz lebenden Menschen umgesetzt werden. Die angesprochenen Massnahmen betreffen hauptsächlich den Migrationsbereich, nötigenfalls ist auch die Kündigung internationaler Verträge vorgesehen, sollte die 10 Millionen Grenze überschritten werden.
Ende 2025 lag die ständige Wohnbevölkerung in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik (BFS) bei rund 9.12 Millionen Menschen. Das Referenzszenario der zukünftigen Bevölkerungsentwicklung des BFS sieht eine Überschreitung der 10 Millionen im Jahr 2041. Der grösste Anteil des jüngsten Bevölkerungswachstums geht auf die Zuwanderung zurück. In der Vergangenheit lag das Wanderungssaldo zwischen 40'000 bis 87'000. Eine Ausnahme bildete das Jahr 2023 als das Wanderungssaldo bei 140'000 Personen lag, zurückzuführen auf die Personen mit Schutzstatus S, welche nach einem Jahr ebenfalls zur ständigen Wohnbevölkerung zählen. Das natürliche Bevölkerungswachstum spielt eine untergeordnete Rolle. In den vergangenen Jahren ist die durchschnittliche Anzahl Kinder pro Frau stetig zurückgegangen.
Bei Annahme der Initiative dürfte die Bevölkerung in der kurzen Frist noch zunehmen und eine beschleunigte Zuwanderung bis Umsetzung und Wirkung der geplanten Massnahmen einsetzen. In der langen Frist jedoch wird die Bevölkerung langsam, aber stetig zurückgehen. Dies unter der Annahme, dass die Zuwanderung grösstenteils wegfällt und das natürliche Bevölkerungswachstum gemäss Referenzszenario des Bundesamtes für Statistik (BFS) mit 1.4 Kindern pro Frau weiterhin stabil bleibt. Diese Geburtenhäufigkeit ist zu gering, um die Elterngeneration zu ersetzen oder ein langfristiges Bevölkerungswachstum zu generieren. Der bereits eingesetzte Trend hin zu einer alternden Gesellschaft dürfte sich unter diesen Voraussetzungen weiter beschleunigen, was auch das Referenzszenario des BFS bestätigt. Der Anteil der Altersgruppe «65-jährig und älter» liegt heute bei rund 20% und dürfte bis 2055 auf über 25% steigen.
Aus ökonomischer Sicht resultieren im Falle einer Annahme der Initiative kurz- wie auch langfristig Chancen und Risiken für verschiedene volkswirtschaftliche Aspekte. Genauer beleuchtet werden in dieser Analyse ausgewählte Dimensionen. Dazu gehören unter anderem die Folgen für Schweizer Unternehmen und das ökonomische Wachstum. Ausserdem werden die Auswirkungen auf die Schweizer Infrastruktur und die Immobilienwirtschaft diskutiert, sowie für die Dimension Anlegen.
Michelle Müller Michelle Müller
Michelle Müller ist Analystin Immobilienresearch bei der Migros Bank. Sie befasst sich mit Entwicklungen im Schweizer Immobilienmarkt.
Zutat eines Erfolgsrezepts?
Die Personenfreizügigkeit ermöglicht es der Schweizer Wirtschaft, unbürokratisch auf europäische Arbeitskräfte zurückzugreifen. Es gibt aber auch deutliche Schattenseiten. Eine allfällige Aufkündigung der Personenfreizügigkeit wäre daher ein zweischneidiges Schwert.
Seit Ende des Zweiten Weltkrieges hat sich die Schweiz als ein Zuwanderungsland etabliert. Die Schweiz blieb von der Zerstörung durch den Krieg praktisch verschont. Was dem Land fehlte, um mit dem raschen europäischen Wirtschaftswachstum in den Nachkriegsjahren Schritt zu halten, waren die Arbeitskräfte. Dem versuchte man mit dem Quotensystem und dem Saisonnierstatut zu begegnen: Hunderttausende ausländischer Gastarbeiter trugen während Jahrzehnten zum Anstieg des Wohlstandes bei, indem sie in Werkstätten, auf Baustellen oder in der Erbringung von Dienstleistungen arbeiteten.
Bekannt ist das Zitat des Schriftsteller Max Frisch, der im Jahr 1965 schrieb: «Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen». Das war eine scharfe Kritik zur damaligen Haltung der Zuwanderungspolitik, Menschen rein funktional als Arbeitskraft zu sehen und nicht als Menschen mit Bedürfnissen und Wünschen, sich dauerhaft mit der Familie niederzulassen. In der Folge hatten die Reformen der Migrationspolitik zum Ziel, Ausländer und Ausländerinnen in die schweizerische Gesellschaft zu integrieren und es wurde immer weniger auf das Saisonnierstatut zurückgegriffen.
Systemwechsel ab 2002
Mit den Bilateralen Abkommen I trat im Jahr 2002 die Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union in Kraft ein. Die Kontingentierung der Aufenthaltsbewilligungen gilt hingegen weiterhin für Drittländerangehörige. Diese Veränderung war von entscheidender Bedeutung, da sie es Schweizer Unternehmen ermöglichte, Mitarbeiter aus einem viel grösseren Pool zu rekrutieren. Seither verzeichnet die Schweizer Wirtschaft insgesamt eine erhöhte Wachstumsrate. Wie stark dies auf die Personenfreizügigkeit zurückzuführen ist, lässt sich allerdings nicht exakt quantifizieren. Denn im Gegensatz zu einer Experimentanordnung ist es nicht möglich, eine Kontrollgruppe zu beobachten. Somit lässt sich nicht beantworten, wie hoch das Schweizer Wirtschaftswachstum ohne Personenfreizügigkeit und den damit verbundenen sektoriellen Abkommen für den Zugang zum europäischen Binnenmarkt gewesen wäre.
Nicht nur Wachstum in die Breite
Dass das schweizerische reale Bruttoinlandsprodukt zwischen 2002 und 2025 um insgesamt 54 Prozent wuchs (in der Eurozone betrug das Wachstum 34 Prozent), ist hauptsächlich auf zwei Faktoren zurückzuführen: Die Mengenausweitung und die Arbeitsproduktivität. Da in der gleichen Periode die ständige Bevölkerung um über 2 Millionen Menschen zunahm, ist ein Teil des Anstiegs der Wirtschaftsleistung der zusätzlich konsumierten Waren und Dienstleistungen geschuldet. Um diesen Effekt zu bereinigen, lohnt es sich, die Pro-Kopf-Werte anzuschauen. Auch für diesen Wohlstandsindikator gehört die Schweiz zur Spitze im Vergleich zum Durchschnitt der OECD-Länder: Die Schweizer Wirtschaft konnte trotz eines bereits hohen Ausgangsniveaus den Vorsprung verteidigen. Insbesondere kurz nach der Einführung der Bilateralen Abkommen und vor der globalen Finanzkrise wuchs das BIP-Pro-Kopf stark.
Neben der Mengenausweitung, die mit einem erhöhten Arbeitseinsatz (mehr Beschäftigte leisten mehr Arbeitsstunden) einhergeht, hat gleichzeitig auch der Output pro Arbeitsstunde zugenommen. Auch dank des technologischen Fortschritts wird nicht nur mehr, sondern auch produktiver gearbeitet. Diese technologischen Innovationen sind nicht zuletzt das Ergebnis eines fast einzigartigen dualen Bildungssystems, welches durch die enge Verzahnung von Bildung, Forschung und Produktentwicklung trotz hohem Lohnniveau attraktiv ist.
Demographischer Engpass
Dennoch gibt es auch weniger positive Seiten. Lohndruck bis zu Lohndumping, verstärkter Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt für einheimische Arbeitskräfte, steigende Mietzinse und Immobilienpreise, zersiedelte Landschaften, Verkehrsinfrastruktur an ihrer Grenze oder zunehmende Lebensunterhaltskosten, die einen immer grösser werdenden Anteil der Haushaltseinnahmen beanspruchen: Das rasche Bevölkerungswachstum bringt Herausforderungen mit sich und prägt den Alltag der Bevölkerung. In weiten Teilen der Bevölkerung entsteht der Eindruck, dass nicht alle gleichermassen vom Wirtschaftswachstum profitieren, und dies könnte zu einem Gefühl der Ermüdung und steigende Skepsis gegenüber dem Konzept des kontinuierlichen Wachstums um jeden Preis führen.
Allerdings liegt es im Interesse aller, dass sich die Wirtschaft und der Wohlstand positiv entwickeln. Und an diesem Punkt gibt es keinen Ausweg. Um das bereits hohe Niveau zu halten und noch weiter zu erhöhen, braucht die Schweizer Wirtschaft neben dem technologischen Fortschritt letztlich auch die notwendigen Arbeitskräfte. Hierzulande werden aufgrund soziologischer Veränderung zu wenige Kinder geboren, und die Bevölkerung altert. Zudem sinkt die geleistete Arbeitszeit wegen der immer beliebteren Teilzeitarbeit konstant. Das Ausscheiden der Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt ist rein binnendemografisch kaum abzufedern.
Eine Abstimmung mit weitreichenden Folgen
Sollte das Schweizer Volk der Initiative zustimmen, ist mit kurz- und langfristigen Folgen zu rechnen. Dass eine der Zutaten des Schweizer Erfolgsrezeptes zumindest ein wenig in Frage gestellt würde, lässt sich vor den obigen Überlegungen nicht wegdiskutieren. Doch ebenso wäre es vorschnell und massiv übertrieben, eine Annahme mit der Besiegelung des eidgenössischen Schicksals gleichzusetzen. Denn die Attraktivität der Schweiz hängt auch wesentlich von ihren mit Augenmass regulierten Rahmenbedingungen als Wirtschafts- und Finanzstandort ab: Ein Land, in dem Rechtssicherheit, politische Stabilität und gesunde öffentliche Finanzen herrschen, behält gerade im europäischen Kontext eine hohe Strahlkraft.
Kommt es im Falle einer Annahme der Initiative zu einer engen gesetzlichen Umsetzung und damit früher oder später zur Kündigung der Personenfreizügigkeit dürfte dies dennoch Spuren beim langfristigen Wachstumspotenzial hinterlassen. Gleichzeitig könnte dies aber auch Anstoss zu einem erneuten Produktivitätsschub und einer nochmaligen Effizienzsteigerung führen, wie im Nachgang zur EWR-Abstimmung vor rund 30 Jahren. Zudem wären weniger Investitionen in den Ausbau der Infrastruktur nötig. Demgegenüber steht das Risiko, dass Unternehmen einen Teil der Arbeitsplätze ins Ausland verlagern und sich der teilweise bereits bestehende Arbeitskräftemangel aufgrund der demografischen Entwicklung zuspitzen könnte.
Auch wenn vor diesem Hintergrund eine Annahme der Initiative mit Herausforderungen verbunden wäre, bedeutet unserer Meinung nach ein Urnen-Ja für die Schweiz nicht zwangsläufig eine langfristige eingetrübte Wachstumsperspektive und schon gar nicht das Ende des eidgenössischen Erfolgsmodells. Allerdings müsste es Politik, Gesellschaft und Wirtschaft gelingen, das inländische Arbeitskräftepotential besser und stärker auszuschöpfen. Fragen zur Höhe des Rentenalters, zur Stärkung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder Gestaltung von Arbeitszeitmodellen sind dann noch dringlicher anzugehen als dies bereits heute der Fall ist.
Ob Anpassungen in diesen Bereichen der politische Wille und die gesellschaftliche Akzeptanz vorhanden sind, darf zu Recht skeptisch betrachtet werden. Eine möglichst unkomplizierte Arbeitskraftzuwanderung bleibt für die Schweizer Wirtschaft somit essenziell. Auf was für einer gesetzlichen Grundlage dies geschieht, erscheint uns insofern als zweitrangig. Gelingt der Schweiz die Gratwanderung zwischen einer gesellschaftlich «zu grossen» und wirtschaftlich «zu geringen» empfundenen Zuwanderung, bleibt der Wachstumspfad vom Abstimmungsausgang kaum tangiert. Zumal für die exportorientierte Schweizer Wirtschaft nicht zuletzt die internationale Nachfrage eine entscheidende Triebfeder bleiben wird. Wie sich die Konjunktur in Europa, aber auch in den USA oder Asien entwickeln wird, darüber hat selbst das Schweizer Stimmvolk keine Entscheidungsmacht.
Valentino Guggia Valentino Guggia
Valentino Guggia ist Ökonom bei der Migros Bank. Er befasst sich mit der Analyse der Makro- und Konjunkturentwicklung sowie dem Geschehen an den Finanzmärkten.
Weder Weltuntergang noch Produktivitätsfeuerwerk
Die Abstimmung über die «Keine-10-Millionen-Schweiz»-Initiative dürfte für die Schweizer Unternehmen keine massgebliche unmittelbare Auswirkung entfalten. Unabhängig vom Ausgang katalysieren sich in der Vorlage aber Fragen und Herausforderungen, mit denen Unternehmen schon lange konfrontiert sind – und für die sie eine Antwort finden müssen.
Für die Unternehmen in der Schweiz rückt mit der «Keine-10-Millionen-Schweiz»-Abstimmung ein Thema ins Zentrum, das ohnehin über die nächsten Jahre prägend sein wird: die Frage, wie Wachstum, Arbeitsmarkt und Standortqualität in einem Umfeld gestaltet werden können, in dem der demografische Rückenwind schwächer wird.
Teilweiser Fachkräftemangel ist bereits Tatsache
Schon heute zeigt sich ein sich verschärfender Fachkräftemangel, der in den kommenden Jahren in einzelnen Bereichen – etwa im öffentlichen Sektor oder in der ICT – zu deutlichen Lücken führen könnte. Gleichzeitig weisen Analysen zu Arbeitsmigration und Zuwanderung darauf hin, dass die zusätzlichen Arbeitskräfte der letzten zwei Jahrzehnte einen messbaren Beitrag zum Wirtschaftswachstum pro Kopf geleistet haben, auch wenn die kausalen Effekte nicht isoliert zu bestimmen sind. Vor diesem Hintergrund ist die Abstimmung kein Startpunkt, sondern ein Katalysator für Entwicklungen, die viele Unternehmen bereits heute spüren.
Auf kurze Sicht – in einem Horizont von bis zu drei Jahren – dürften die unmittelbaren Effekte für die meisten Firmen begrenzt und vor allem indirekter Natur sein. Gesetzliche und regulatorische Anpassungen brauchen Zeit, und bestehende Projekte laufen weiter. Dennoch verschiebt bereits die Diskussion die Erwartungshaltung: KMUs in personalintensiven Branchen wie Bau, Gastronomie, Gesundheitswesen oder persönliche Dienstleistungen werden ihre Rekrutierungsstrategien und Lohnstrukturen zunehmend unter der Annahme planen, dass der Zugang zu zusätzlichen Arbeitskräften nicht beliebig ausweitbar ist.
Der Kampf um Talente wird (noch) entscheidender
Für exportorientierte Industrie- und Dienstleistungsunternehmen stehen eher Signale zur langfristigen Standortattraktivität im Vordergrund – etwa, ob die Schweiz ihre Talentebasis, Innovationskraft und internationale Vernetzung sichern kann. Chancen liegen kurzfristig dort, wo Unternehmen den Handlungsdruck nutzen, um Prozesse zu digitalisieren, Automatisierung voranzutreiben und die inländischen Arbeitskräfte besser einzubinden. Risiken zeigen sich dort, wo Geschäftsmodelle stark auf stetig wachsende Volumina und eine breite, leicht verfügbare Personalbasis angewiesen sind.
Auf längere Sicht rücken strukturelle Fragen in den Vordergrund, und die Unterschiede nach Unternehmensgrösse und Sektor werden deutlicher. Grosse Unternehmen verfügen meist über mehr Möglichkeiten, im internationalen Arbeitsmarkt zu rekrutieren, Teile der Wertschöpfung zu verlagern oder mittels Skaleneffekten in Technologie und Automatisierung zu investieren. Für sie ist die zentrale Frage, ob die Schweiz im globalen «War for Talent» attraktiv bleibt – etwa über Bildungssystem, Forschungslandschaft, Steuersätze und Lebensqualität. KMUs hingegen sind stärker an den lokalen Arbeits- und Absatzmarkt gebunden. Sie profitieren von einem Umfeld, in dem Fachkräfte gehalten und weitergebildet werden können und in dem die öffentliche Hand den demografischen Wandel so gestaltet, dass Schulung, Betreuung, Verkehr und digitale Infrastruktur funktionieren.
Unterschiedliche Exponiertheit der einzelnen Branchen
Branchenspezifisch lassen sich unterschiedliche Profile erkennen. Wissens- und technologieintensive Sektoren – etwa ICT, Pharma, Finanz- und Unternehmensdienstleistungen – können über hohe Wertschöpfung pro Kopf auch bei einer moderater wachsenden Bevölkerung dynamisch bleiben, sofern sie Zugang zu hochqualifizierten Fachkräften sichern. Hier liegt die Chance in einer noch stärkeren Fokussierung auf Innovation, Spezialisierung und globale Nischen.
Industrie und exportorientiertes Gewerbe stehen vor der Aufgabe, Automatisierung, Künstliche Intelligenz und Robotik so zu nutzen, dass Produktion am Standort wirtschaftlich bleibt, selbst wenn das Arbeitskräfteangebot weniger wächst. Im Bau- und Immobiliensektor werden die Weichenstellungen bei der Bevölkerungsentwicklung mitentscheiden, ob das Geschäft stärker von Neubauvolumen oder von Verdichtung, Sanierung und energetischer Transformation geprägt sein wird – mit entsprechenden Chancen für spezialisierte Anbieter und Risiken für Geschäftsmodelle, die auf permanente Flächenausweitung setzen.
Der sich ändernden Demografie muss Rechnung getragen werden – so oder so
Quer über alle Sektoren hinweg ist der vielleicht wichtigste Aspekt, dass demografische und migrationsbezogene Entscheidungen die strategische Zeitachse der Unternehmen verändern. Kurzfristig geht es um Anpassungen in Rekrutierung, Weiterbildung und Organisation. Mittelfristig geht es letztlich darum, Geschäftsmodelle so auszurichten, dass sie in einem Umfeld bestehen, in dem Arbeitskräfte knapper, die Bevölkerung älter und Produktivität entscheidender wird.
Unserer Meinung nach gibt die Abstimmung selbst auf diese Überlegungen keine fertige Antwort; sie markiert aber einen Rahmen, innerhalb dessen Unternehmen ihre eigene «Millionenfrage» beantworten müssen: Wie sich in der Schweiz Wertschöpfung schaffen lässt, wenn die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte weniger stark wächst und infolgedessen der Wert jedes Arbeitsnehmenden zunimmt.
Santosh Brivio Santosh Brivio
Santosh Brivio verantwortet das Economic Research der Migros Bank. In dieser Funktion befasst er sich vor allem mit der Konjunktur-, der Zins- und der Immobilienmarktentwicklung sowie mit den Schnittstellen zur Finanzmarktanalyse.
Planänderung bei zukünftigen Infrastrukturprojekten
Die Schweizer Infrastruktur ist bereits heute regional sehr unterschiedlich stark beansprucht. Während sie in den Zentren und deren Agglomerationen täglich hohen Auslastungen ausgesetzt ist, sind die peripheren Lagen aufgrund der deutlich geringeren Bevölkerungszahl und -dichte weniger davon betroffen.
Für die Infrastruktur in der Schweiz erwarten wir auch bei einer Annahme der «Keine-10-Millionen-Schweiz»-Initiative keine unmittelbaren Auswirkungen, jedoch dürfte es die zukünftige Planung beeinflussen. Zur Infrastruktur werden die Versorgung mit Energie und Wasser dazugezählt, sowie Strassen und Bahnlinien, aber auch der Zugang zu Medizin und Bildung.
Vorübergehende Entspannung hinsichtlich zusätzlichem Dichtestress
Die Implementierung gezielter Massnahmen zur Regulierung des Bevölkerungswachstums könnte dazu beitragen, die Befürchtungen einer zunehmenden Überlastung von Infrastruktur und Lebensräumen zu mildern. Durch die Begrenzung eines rasanten Bevölkerungsanstiegs wird die Sorge vor einer weiteren Verschärfung des sogenannte Dichtestresses weiter zumindest temporär entschärft.
Gleichzeitig würde diese Entwicklung eine Neuausrichtung der strategischen Planungsprozesse im Bereich des Infrastrukturausbaus erfordern. Die bisherigen Planungsansätze, die auf einem kontinuierlichen Wachstum basierten, müssten an die veränderten demografischen Rahmenbedingungen angepasst werden. Ziel soll es auch künftig sein, die bestehende Infrastruktur effizient zu nutzen und deren Kapazitäten optimal auszuschöpfen, ohne dabei die Belastungsgrenzen zu überschreiten. Eine zeitnahe Anpassung der Planungsgrundlagen erscheint in diesem Fall realistisch. Dies umfasst die Neubewertung der Kapazitätsgrenzen bestehender Infrastruktureinrichtungen sowie die Modellierung der zukünftigen Bevölkerungsverteilung in verschiedenen Regionen. Auf Basis der aktualisierten Prognosen können dann fundierte Entscheidungen für den Ausbau und die Weiterentwicklung der Infrastruktur getroffen werden.
Begrenzte Entlastung der Infrastruktur an Wohn- und Arbeitsort – und dazwischen
Angesichts der prognostizierten Zuwanderung, die voraussichtlich bis zur Implementierung und Wirksamkeit der geplanten Massnahmen anhalten wird, ist davon auszugehen, dass die bestehende Infrastruktur weiterhin mindestens der heutigen Belastung ausgesetzt bleibt. Dies impliziert, dass kurzfristig lediglich eine marginale Entlastung der Infrastruktur wie beispielsweise der Verkehrssysteme zu erwarten ist. Besonders betroffen sind hierbei die Verkehrsverbindungen zwischen Wohn- und Arbeitsorten, sowohl auf der Strasse als auch im öffentlichen Personennahverkehr, wo auch zukünftig eine hohe Auslastung zu erwarten sein dürfte. Das gleiche gilt für die Versorgungsinfrastruktur an den jeweiligen Wohn- und Arbeitsorten, welche in der kurzen Frist ebenfalls noch ausgelastet sein dürften.
Im Hinblick auf die mittelfristige Entwicklung gehen wir davon aus, dass sich die Prioritäten in der Infrastrukturplanung verschieben werden. Es zeichnet sich ab, dass der Fokus zunehmend weniger auf Strassen- und Tiefbauprojekten liegen wird. Ebenso ist im Bereich des Hochbaus eine Reduktion der Investitionen in öffentliche Gebäude zu antizipieren, was auf eine insgesamt rückläufige Bautätigkeit in diesen Sektoren hindeutet. Diese Entwicklung könnte sich in einem geringeren Auftragsvolumen für die Bauwirtschaft manifestieren und somit auch wirtschaftliche Implikationen für die betroffenen Branchen nach sich ziehen.
Regional rückläufiger Druck auf die Infrastruktur in der langen Frist
Vor dem Hintergrund einer langfristig stagnierenden oder gar rückläufigen Bevölkerungsentwicklung könnte sich in bestimmten Regionen eine Entlastung der bestehenden Infrastruktur abzeichnen. Bereits heute sind deutliche Unterschiede in der Auslastung der Infrastruktur erkennbar. Diese regionale Divergenz dürfte sich in Zukunft weiter verstärken. Die urbanen Gebiete sowie vom Tourismus geprägte Regionen werden weiterhin gefragt sein und über Auslastungsspitzen verfügen. In gewissen Regionen hingegen könnte es zu einer langfristig geringeren Ausdehnung der Infrastruktur in bislang unberührte Landschaften führen, da kein weiterer Infrastrukturausbau notwendig sein könnte, da die bestehenden Kapazitäten ausreichen.
Mit dem abnehmenden Nutzungsdruck auf Infrastruktur in bestimmten Regionen verschieben sich auch die Prioritäten in der Infrastrukturplanung und -finanzierung. Der Fokus wird zunehmend auf die Instandhaltung und Modernisierung stark beanspruchter Versorgungspunkte gelegt. Im Gegensatz dazu dürfte der Bedarf an Investitionen in den Ausbau neuer Infrastrukturen abnehmen, insbesondere unter der Annahme, dass ein Bevölkerungsrückgang in einem Zeithorizont von 20 bis 30 Jahren nicht ausgeschlossen werden kann. Diese Entwicklung könnte langfristig zu einer Reduktion der öffentlichen Ausgaben im Bereich des Infrastrukturbaues führen und somit finanzielle Spielräume für andere Prioritäten eröffnen.
Schleichender Verfall peripherer Infrastruktur
Insbesondere in dünn besiedelten Regionen dürfte sich eine abnehmende Nutzung bestimmter Infrastruktureinrichtungen abzeichnen. Mit der sinkenden Nachfrage nach diesen Einrichtungen geht eine Reduktion der Investitionen in deren Instandhaltung und Modernisierung einher. Dies führt unweigerlich dazu, dass die betroffene Infrastruktur zunehmend veraltet, da die Modernisierungsmassnahmen ausbleiben. Langfristig könnte das eine Verschlechterung der Infrastrukturqualität zur Folge haben kann.
Ein weiterer Aspekt ist die generell steigende finanzielle Belastung pro Kopf. Da die Kosten für den Unterhalt der Infrastruktur auf eine gleichbleibende bis langfristig möglicherweise schrumpfende Bevölkerungsbasis umgelegt werden müssten, dürfte der Pro-Kopf-Anteil an den Ausgaben steigen.
Für die Schweiz bedeutet der Abstimmungsausgang daher keine einheitliche Lösung auf die Herausforderungen in Bezug auf die Infrastruktur. Ein Ja dürfte zwar zu Entlastungen an einigen Stellen sorgen, an anderen wiederum zu neuen Herausforderungen führen. Insofern ist und bleibt die langfristige Infrastrukturplanung essenziell und bildet den Schlüssel zur zukünftig optimalen Versorgung in der Schweiz – unabhängig vom Ausfallen des Urnenentscheids.
Michelle Müller Michelle Müller
Michelle Müller ist Analystin Immobilienresearch bei der Migros Bank. Sie befasst sich mit Entwicklungen im Schweizer Immobilienmarkt.
Konträre Auswirkungen auf dem Immobilienmarkt
Ein Nachfragerückgang im Immobilienmarkt kann gegensätzliche Effekte haben. Den Immobilieninvestoren könnte es den Anreiz nehmen, hohe Kapitalsummen in dieses Segment zu allozieren. Mietende hingegen dürften profitieren, vorausgesetzt, das Angebot bleibt stabil.
Durch die unterschiedlichen Auswirkungen auf verschiedene Stakeholder, welche alle am gleichen Markt partizipieren, gibt es unseres Erachtens keine allgemeingültige Einschätzung, wie sich ein allfälliges Ja zur «Keine-10-Millionen-Schweiz»-Initiative auf den Schweizer Immobilienmarkt niederschlüge. Durch die Trägheit des Marktes erwarten wir aber keine unmittelbaren Veränderungen. Zudem ist die Nachfrage nicht ausschliesslich durch die Zuwanderung bestimmt, sondern wird auch von den Megatrends wie der Urbanisierung oder der Individualisierung gesteuert.
Strategische Neuausrichtung der zukünftigen Portfolioallokation
Insbesondere der Immobilien-Investmentmarkt zeichnet sich durch eine vergleichsweise träge Reaktionsfähigkeit auf externe Schocks aus, was frühzeitige Überlegungen zur strategischen Neuausrichtung von Portfolios ermöglicht. In diesem Kontext gewinnen insbesondere Aspekte wie die regionale Diversifizierung von Portfolios sowie die Berücksichtigung demografischer Veränderungen an Bedeutung. Letztere umfassen unter anderem den Anstieg kleinerer Haushalte und die Alterung der Gesellschaft, die neue Anforderungen an die Immobilienlandschaft stellen.
Kurzfristige Anpassungen der Portfoliostrategie könnten in diesem Zusammenhang durch eine gezielte Neugewichtung der Asset-Allokation sowohl auf regionaler Ebene als auch in Bezug auf spezifische Marktsegmente erfolgen. Darüber hinaus rücken alternative Investitionsmöglichkeiten zunehmend in den Fokus, um freigesetztes Kapital effizient und renditeorientiert zu allozieren. Angesichts einer prognostizierten rückläufigen Nachfrage im Wohnungsbau, die aus Investorensicht die Rentabilität in diesem Bereich mindert, gehen wir insgesamt von einer selteneren Realisierung von Bauprojekten an weniger attraktiven Lagen aus.
Für Mieter von Büro- und Gewerbeflächen eröffnen sich mit einem Abstimmungs-Ja hingegen potenzielle Chancen. Das bereits bestehende Überangebot an Büroflächen in bestimmten Regionen dürfte sich sukzessive ausweiten, was dazu führen könnte, dass auch Flächen in bevorzugten Lagen verfügbar werden. Diese Entwicklung bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Standortwahl zu optimieren und Büroflächen zu beziehen, die ihren spezifischen Anforderungen besser entsprechen.
Urbanisierung und Individualisierung beeinflussen die Nachfrage
Die demografische Entwicklung, insbesondere das kurzfristig prognostizierte Bevölkerungswachstum aufgrund der Zuwanderung, wird unabhängig vom Abstimmungsausgang in absehbarer Zeit weiterhin die Nachfrage nach Wohnraum befeuern. In Kombination mit einer unzureichenden Ausweitung des Angebots dürfte dies dazu führen, dass sowohl die Mieten als auch die Verkaufspreise in den kommenden 2-3 Jahren weiter ansteigen. Diese Dynamik wird durch den globalen Megatrend der Urbanisierung zusätzlich verstärkt. Die Attraktivität urbaner Räume bleibt ungebrochen, was den Druck auf städtische Gebiete und deren umliegende Gemeinden aufrechterhält.
Die Migration aus peripheren Regionen hin zu gut angebundenen Agglomerationen und in die Nähe von Kernstädten dürfte auch in Zukunft anhalten oder sich gar noch verstärken. Die bauliche Verdichtung in urbanen Zentren gestaltet sich jedoch zunehmend schwierig, was die regionale Disparität weiter verschärft. Während ländliche und strukturschwächere Gebiete an Anziehungskraft verlieren, konzentrieren sich Nachfrage und Preissteigerungen auf die städtischen Zentren. Diese Entwicklung wird durch die Tatsache untermauert, dass der Grossteil der Arbeitsplätze weiterhin in und um die Metropolregionen angesiedelt ist. Mit einem unmittelbaren Rückgang der Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt an urbanen Lagen rechnen wir daher nicht.
Ein weiterer prägender Megatrend ist die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft, die Auswirkungen auf die Wohnraumnachfrage hat. Die wachsende Zahl an Haushalten, insbesondere von Ein- und Zwei-Personenhaushalten, führt zu einem proportional höheren Bedarf an Wohnraum. Der Rückgang traditioneller Familienstrukturen zugunsten kleinerer Haushaltsformen erfordert eine Anpassung des Wohnungsangebots, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden.
Partielle Entspannung auf dem Wohnmarkt
Die Dynamik des Wohnungsmarktes könnte Anzeichen einer partiellen Entspannung zeigen, insbesondere aus der Perspektive der Mietenden. Eine Reduktion der Zuwanderung könnte in bestimmten Regionen zu einer spürbaren Entlastung des Mietmarktes führen. Dies würde sich in einer Stagnation der Mietpreise sowie in einer erweiterten Verfügbarkeit von Mietobjekten für Wohnungssuchende manifestieren. Der Rückgang des Nachfragedrucks dürfte dabei den Mietmarkt stärker betreffen als den Markt für Wohneigentum, da Zuwandernde überwiegend als Mieter auftreten. Dennoch erwarten wir bei Annahme der Vorlage auch beim Wohneigentum eine moderate Entspannung, die sich in einer Verlangsamung des Preisanstiegs äussern dürfte.
Parallel dazu könnte sich eine effizientere Nutzung der Wohnfläche pro Kopf etablieren. Gesellschaftliche Veränderungen wie die zunehmende Alterung der Bevölkerung, der Rückgang von Familienhaushalten und die fortschreitende Individualisierung beeinflussen die Wohnbedürfnisse massgeblich. Ein potenziell erweitertes Angebot an Wohnraum könnte die Grundlage für eine optimierte Verteilung und Nutzung der verfügbaren Wohnflächen schaffen. Allerdings ist eine solche Entwicklung an mehrere Bedingungen geknüpft. Ein nachhaltiger Rückgang des Nachfragedrucks wäre ebenso essenziell, wie eine erhöhte Bereitschaft zur Veränderung der Wohnansprüche. Dies setzt voraus, dass die Mietzinse ein Niveau erreichen, welches Umzüge wirtschaftlich attraktiv macht. Nur unter diesen Voraussetzungen könnte eine langfristige Verbesserung der Wohnflächennutzung pro Kopf realisiert werden. Der entscheidende Faktor bleibt hierbei das Angebot. Dieses müsste ausreichend gross bleiben, um diese optimalen Bedingungen bieten zu können.
Regional rückläufige Immobilieninvestitionen
Aus Investorenperspektive ist die zukünftige Nachfrage auf dem Immobilienmarkt ein zentraler Einflussfaktor, sei es bei den Mietwohnungen oder bei Büro- und Gewerbeflächen. Eine abnehmende Nachfrage bei gleichbleibendem Angebot führt nach Marktlogik zwangsläufig zu einem Rückgang der Immobilienpreise. Dies hat weitreichende Konsequenzen für die Bauwirtschaft: Die Bautätigkeit wird gedrosselt und neue Projekte werden erst nach einer intensiven Prüfung ihrer langfristigen Wirtschaftlichkeit initiiert.
Für Investoren birgt diese Entwicklung erhebliche Risiken. Insbesondere das Risiko von Leerständen und einer möglichen Abwertung dürften die Investitionsbereitschaft in Immobilien mindern. In Regionen mit stark alternder Bevölkerung oder Bevölkerungsrückgang durch Abwanderung ist mit einer Zunahme von Leerständen zu rechnen. Im Gegensatz dazu erwarten wir weiterhin eine verstärkte Nachfrage nach Immobilien in städtischen Zentren und deren umliegenden Agglomerationen. Für solch attraktiven Lagen sollte die Investitionsbereitschaft weiterhin hoch bleiben, da in diesen Gebieten auch zukünftig eine entsprechende Wohnraumnachfrage bestehen bleibt.
Unter dem Strich lassen sich somit die potenziellen Auswirkungen einer verringerten Zuwanderung auf die Wohnungsnachfrage nicht präzise quantifizieren, da eine Vielzahl weiterer Einflussfaktoren die Nachfrage nach Wohnraum ebenfalls massgeblich bestimmen. Gleichzeitig bleibt ungewiss, wie sich das Wohnungsangebot in einem solchen Szenario entwickeln würde. Der Immobilienmarkt ist, wie jeder Markt, durch das dynamische Wechselspiel von Angebot und Nachfrage charakterisiert, welche gemeinsam die Preisbildung bestimmen. Die elementaren Treiber bleiben vorhanden, wenn auch teilweise in veränderter Form.
Michelle Müller Michelle Müller
Michelle Müller ist Analystin Immobilienresearch bei der Migros Bank. Sie befasst sich mit Entwicklungen im Schweizer Immobilienmarkt.
Trotz politischer Brisanz kein Stresstest fürs Portfolio
Der Schweizer Aktienmarkt weist viele Qualitäten und Eigenschaften auf, die durch den Ausgang der «Keine-10-Millionen-Schweiz»-Initiative nicht direkt tangiert werden. Hinzu kommt, dass externe Faktoren wie Weltkonjunktur, Geopolitik und Zinsgefüge weiterhin die entscheidenden Treiber bleiben werden.
Für Anlegerinnen und Anleger ist die «keine-10-Millionen-Schweiz»-Abstimmung keine klassische Börsenstory, aber sie schärft einen Rahmen, in dem Anlageentscheide in den nächsten Jahren getroffen werden. Kurzfristig dürften die direkten Markteffekte überschaubar bleiben. Entscheidend ist weniger das Abstimmungsresultat als die Frage, wie die Wirtschaftspolitik, die Migrations- und Arbeitsmarktregeln sowie die Fiskal- und Sozialpolitik konkret ausgestaltet werden.
Gemach, gemach!
Das heisst, dass geopolitische Risiken, Zinsentwicklung und globale Wachstumsdynamik vorerst die erwarteten Renditen stärker prägen als ein einzelner Urnengang, auch wenn er innen- und europapolitisch stark aufgeladen ist. Insofern erhöht die Abstimmung zwar die Unsicherheit nicht fundamental, sondern verschiebt lediglich die Akzente in den Szenarien, mit denen man ohnehin arbeitet.
Im Falle einer Annahme mit politisch und administrativ effizienter Umsetzung könnten Anleger kurz- bis mittelfristig von einem klareren Erwartungsrahmen profitieren. Wenn Wirtschaft und Politik glaubwürdig signalisieren, wie Fachkräftebedarf, Produktivitätssteigerung und Standortattraktivität in einem Szenario gedämpften Bevölkerungswachstums adressiert werden, stärkt dies das Vertrauen in die längerfristige Ertragskraft von Schweizer Unternehmen. Gerade qualitativ hochwertige Firmen mit solider Bilanz, starker Marktstellung und hoher Innovationskraft könnten als Portfoliobausteine noch stärker an Attraktivität gewinnen.
Bloss keinen übereiligen Aktivismus
Kurzfristige Risiken bestehen hingegen vor allem darin, dass eine kontrovers interpretierte Annahme zunächst zu vermehrten Volatilitätsschüben in inländischen zyklischen Sektoren führt – etwa dort, wo das Wachstum stark am Binnenmarkt hängt oder wo Investitionen mit grosser regulatorischer Unsicherheit konfrontiert sind. In einem Umfeld, in dem Extremereignisse, Konflikte und Zinsunsicherheit die Renditeaussichten ohnehin dämpfen, warnen wir aber auch in diesem Fall ausdrücklich vor überhasteten Portfolio-Umschichtungen.
Auf längere Sicht rücken strukturelle Fragen in den Vordergrund – also jene Themen, die Anleger traditionell stärker im Blick haben als kurzfristige Marktschwankungen. Historische Analysen zeigen, dass Schweizer Aktien über lange Zeiträume trotz wiederholter Krisen und Rückschläge attraktive reale Renditen geliefert haben und dass ausgewogene Portfolios aus Aktien und Obligationen langfristig stabile, wenn auch niedrigere Erträge bei geringerer Volatilität ermöglichten.
Der Schweizer Markt ist resilient
Nur schon das klassische und weitverbreitete 60/40-Portfolio (Aktien/Obligationen) erzielt seit über einem Jahrhundert eine annualisierte Nominalrendite von rund 6%. Anlegerinnen und Anleger, die mit einem solchen Portfolio zehn Jahre durchgehalten haben, hätten historisch keine Verluste erlitten.
Vor diesem Hintergrund liegen die langfristigen Chancen einer angenommenen Initiative vor allem darin, dass ein erfolgreicher Umgang mit dem demografischen Wandel die Standortqualität der Schweiz stützt oder sogar erhöht. Gelingt es, Produktivität und Innovation zu stärken, ohne die soziale Kohäsion oder die Tragfähigkeit der Sozialwerke zu gefährden, bleibt die Schweiz für exportorientierte Unternehmen ein attraktiver Sitz – mit entsprechend positiven Implikationen für die Ertragskraft kotierter Titel. Ein solches Umfeld könnte insbesondere die strukturellen Stärken des Schweizer Aktienmarkts – hohe Margen, starke Nischenplayer, defensive Qualitäten – weiter ausspielen und langfristig stabile Cashflows generieren, von denen Anleger über Dividenden und Kurssteigerungen profitieren. Auch inländische Immobilienanlagen mit Fokus auf gut gelegene Wohnliegenschaften dürften auch im Falle einer Annahme der Initiative weiterhin durch die hohe Zahlungsfähigkeit der Haushalte und durch die stabilen institutionellen Rahmenbedingungen unterstützt bleiben.
Auch wenn es banal klingt: Diversifikation ist entscheidend
Auf längere Sicht liegen die Risiken dagegen hauptsächlich in Szenarien, in denen ein demografisch und migrationspolitisch stärker begrenzter Pfad nicht von ausreichenden Produktivitätsgewinnen begleitet wird. In solchen Fällen können gesamtwirtschaftliches Trendwachstum, Unternehmensgewinne und damit auch die langfristigen Renditeerwartungen unter Druck geraten. Sollte es tatsächlich zu einer solchen Entwicklung kommen, gilt erst recht, was ebenso altbekannt wie allgemeingültig ist: Ein breit diversifiziertes Portfolio mit einem angemessenen Aktienanteil, ergänzt durch Obligationen und Sachwerte, bleibt auch in diesem Umfeld zentral, um die Balance zwischen Rendite und Risiko zu wahren.
Die eigentliche Kunst besteht damit weniger darin, die Abstimmung selbst «richtig» zu antizipieren, als vielmehr darin, Portfolios so aufzustellen, dass sie verschiedene demografische und wirtschaftspolitische Pfade verkraften. Kurzfristig geht es um Robustheit gegenüber Volatilität und Zinsüberraschungen, langfristig um die gezielte Nutzung von strukturellen Stärken des Schweizer Standorts – von der Stabilität der Institutionen über die Innovationskraft der Unternehmen bis hin zur Funktion des Frankens als sicherer Hafen. In diesem Sinn ist die Abstimmung ein weiterer Baustein in einem komplexen Bild, aber nicht der alleinige Taktgeber für die Anlagestrategie.
Santosh Brivio Santosh Brivio
Santosh Brivio verantwortet das Economic Research der Migros Bank. In dieser Funktion befasst er sich vor allem mit der Konjunktur-, der Zins- und der Immobilienmarktentwicklung sowie mit den Schnittstellen zur Finanzmarktanalyse.
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