Die SNB ist langweilig. Und das ist gut so!
Die Kommunikation der Schweizerischen Nationalbank ist durch Sachlichkeit und Zurückhaltung geprägt. Gerade im Vergleich zur Europäischen Zentralbank ist dies ein frappanter Unterschied. Diesen gilt es aus Schweizer Sicht unbedingt zu wahren.
Auf der Suche nach einer bestimmten Zeitreihe buddelte ich diese Woche tief in der Webseite der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Dabei stolperte ich seit Langem wieder mal über die Rubrik «Important monetary policy data». Wichtige geldpolitische Daten also, die im Wochenrhythmus veröffentlicht werden. Fein säuberlich sind Daten zu Zinsen, Geldmarkt, Renditen, Wechselkursen oder Sichteinlagen zu finden. Alles, was man zur Beurteilung des geldpolitischen Umfelds braucht, steht sachlich aufbereitet bereit. Unaufgeregt, unspektakulär und ohne Drama. Ja, fast schon etwas bieder.
Nüchterne Klarheit vs. dramatische Verklausulierung
Man könnte meinen, so etwas sei im 21. Jahrhundert Standard. Ein Blick über die Grenze legt nahe: nicht unbedingt. Es mutet im Gegenteil mittlerweile beinahe altmodisch an.
Im Euroraum beispielsweise hat sich die Beziehung zwischen Daten und Politik über die Jahre in eine Art komplizierte Fernbeziehung verwandelt. Die Kennzahlen sind da, aber die Kommunikation der Europäischen Zentralbank (EZB) ist inzwischen so mit konjunktiver Vorsicht und politischer Rücksichtnahme gesättigt, dass man aus einer Pressekonferenz mehr Interpretationsbedarf als Klarheit mitnimmt. Die SNB steht daneben, publiziert ihre «wichtigen geldpolitischen Daten», hält den Leitzins dort, wo sie ihn für angemessen hält, und verzichtet auf Grossinszenierungen über «Pivot», «Regimewechsel» und «historische Momente». Für manchen Beobachter mag das langweilig sein – makroökonomisch ist es ein Vorbild.
Meiner Meinung nach ist diese Bestandesaufnahme nicht ohne Ironie. Der Währungsraum mit der spektakuläreren Kommunikationspolitik ist zugleich derjenige mit der fragileren Glaubwürdigkeitsbasis. Wenn jede Zinsentscheidung von geopolitischen Risiken, Energiepreisschocks und «Datenabhängigkeit» umrahmt wird, verschwimmt irgendwann die Linie zwischen seriöser Unsicherheitsanalyse und vorauseilender Absicherung gegen politische Angriffe. Die SNB braucht diesen rhetorischen Schutzschild nicht in gleicher Intensität. Sie liefert Daten, legt die Strategie dar, zeigt die Modelle – und baut darauf, dass man ihr zutraut, den Preisstabilitätsauftrag ohne permanente Dramatisierung zu erfüllen.
Die Währung spricht eine deutliche Sprache
Der Franken kommentiert derweil diese unterschiedlichen Kulturen auf seine ganz eigene Weise. Während im Euroraum Kommunikationsnuancen mitunter heftige Marktreaktionen auslösen können, reagiert unsere Heimwährung langfristig vor allem auf eines: Vertrauen. Vertrauen in Institutionen, in Fiskaldisziplin und nicht zuletzt in die Fähigkeit, im Zweifel nicht mit der Geldpolitik die Finanzpolitik zu kompensieren.
Womit wir wieder bei den «Important monetary policy data» sind: Man kann jede Woche SNB-Daten studieren und wird feststellen, dass die Währung sich nicht von Presserhetorik, sondern von strukturellen Faktoren treiben lässt. Das mag für die Exportwirtschaft schmerzhaft sein – aus Anlegersicht ist es eine verlässliche Logik.
Ein herausfordernder, aber richtiger Ansatz
Im europäischen Kontext wirkt die schweizerische Datenkultur fast wie ein stiller Seitenhieb. Während man in der EU neue Regeln, Governance-Strukturen und Kommunikationsformate erfindet, um die Märkte zu beruhigen, setzt die Schweiz auf eine Kombination aus Transparenz, konsistentem Handeln und einem institutionellen Setting, das keine permanente «Vertrauenskampagne» benötigt. Das Ergebnis ist eine Währung, die stärker ist, als vielen lieb ist, und eine Geldpolitik, die es sich leisten kann, nüchtern zu bleiben, wo andere schon lange zur Dramaturgie gegriffen haben.
Für die Schweiz ist diese Ausgangslage ambivalent: wirtschaftlich komfortabel, politisch herausfordernd, kommunikativ heikel. Eine starke Währung, ein transparenter geldpolitischer Rahmen, ein robustes Finanzsystem – und gleichzeitig die Aufgabe, die exportorientierte Realwirtschaft mit diesem Setting leben zu lassen. Aber es bleibt ein struktureller Vorteil: Wir diskutieren Daten, nicht Rettungspakete. Wir reden über Zinsniveaus, nicht über die Frage, ob die Zentralbank nächste Woche wieder ein politisches Projekt stabilisieren muss. In einer Welt, in der die Geldpolitik vielerorts zum Dauerkorrektiv der Politik geworden ist, erscheint eine wöchentliche SNB-Datenpublikation nicht nur radikal konservativ, sondern sie ist es auch. Im besten Sinn des Wortes.
(Foto: Keystone / Anthony Anex)
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